Der Mann mit der Axt wird weggeschlossen

Psychisch kranker Amokläufer von Alfen ist schuldunfähig, aber allgemeingefährlich

Von Hubertus Hartmann
Paderborn (WV). Mit Handschellen gefesselt hockt er auf der Anklagebank. Denn Hans-Ulrich F. ist eine Gefahr für die Allgemeinheit. In Alfen hat er einen Jungen und Polizeibeamte mit einem Beil bedroht.

Elf Schüsse aus Polizeipistolen stoppten am 30. April den Amokläufer vor der Alfener Dorfbäckerei.

Elf Schüsse aus Polizeipistolen stoppten am 30. April den Amokläufer vor der Alfener Dorfbäckerei.

Das spektakuläre Geschehen vom 30. April ist gestern vor dem Landgericht Paderborn verhandelt worden. Der Prozess endete mit der Unterbringung des Täters in der geschlossenen Psychiatrie. Strafrechtlich gilt der 47-Jährige als schuldunfähig. Er leidet an Verfolgungswahn, hat paranoide Halluzinationen und ist schizophren.
Mit 30 war die Krankheit bei ihm ausgebrochen. Vorher hatte F. das Abitur und eine Banklehre gemacht. Sein BWL-Studium zog sich dann allerdings über 24 Semester – den Abschluss schaffte er nicht.
»Ging ja nicht, ich war doch ständig im militärischen Dienst«, sagt der Beschuldigte vor Gericht. In seinem Wahn fühlt er sich als hoher »Militärfunktionär«. Die Befehle erhalte er über einen computergesteuerten Chip in seinem Gehirn. Jahrelang lebte der Mann zurückgezogen mit seiner Mutter am Ortsrand von Alfen. »Er hat immer viel phantasiert, ist aber nie aggressiv geworden«, beschreibt die 71-Jährige ihren Sohn.
Als sie ihn am Tattag, kurz nach 14 Uhr, allerdings mit einem Beil aus dem Haus gehen sieht, bekommt die Rentnerin Angst und alarmiert über Notruf die Polizei: »Mein Sohn ist psychisch krank und hat zum Einkaufen eine Axt mitgenommen«.
Hans-Ulrich F. hat 400 Euro bei sich, seine ganze Monatsrente. »Deshalb doch auch das Beil, damit mir niemand das Geld abnimmt«, lautet seine Erklärung.
Vor der noch geschlossenen Dorfbäckerei trifft er den 13-jährigen Mirco. Der will für seinen Vater ein Geburtstagsgeschenk kaufen. F. schenkt ihm fünf Euro, hält aber sein Handgelenk fest. »Und dann hat er die Axt erhoben, der hatte so einen richtig bösen Blick«, schildert der Junge die schrecklichen Minuten. F. tut ihm allerdings nichts. Als wenig später die Polizei eintrifft, kann Mirco davonlaufen. Sein Handgelenk ist leicht verletzt, in psychotherapeutischer Behandlung befindet er sich heute noch.
Fünf Polizisten haben den Täter vor der Bäckerei umringt, fordern ihn immer wieder auf, das Beil fallen zu lassen. Doch der Mann reagiert nicht. Ob er es wirklich gegen die Beamten erhoben hat, darüber gehen die Aussagen auseinander. Jedenfalls ziehen sie ihre Dienstwaffen. Es fallen insgesamt elf Schüsse, drei treffen den Angreifer in Beine und Hüfte. Doch erst ein gezielter Kantholzwurf bringt ihn zu Fall.
»Die Polizeibeamten haben getan, was in ihrer Macht stand«, verteidigt Staatsanwalt Volker Wiederhold deren Vorgehensweise, während ein Zeuge von einer »völlig unverständlichen Überreaktion« spricht. Auch Verteidiger Holger Budde äußert Zweifel, dass sein Mandant »die Einsatzkräfte wirklich angreifen wollte«.
Fest steht für Psychiater Dr. Gerhard Dankwarth aus Rheda-Wiedenbrück jedoch, »dass so etwas jederzeit wieder passieren kann, das Risiko ist sehr groß«. Hans-Ulrich F. habe sich massiv bedroht gefühlt, in der Situation sei seine Angst in Aggressivität umgeschlagen.
Dem Gericht bleibt deshalb keine andere Wahl: Der Täter wird wegen Gefährdung der Allgemeinheit auf unbestimmte Zeit in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. »Die Öffentlichkeit muss vor ihm und er muss vor sich selbst geschützt werden«, begründet der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus die Entscheidung der Strafkammer.

Artikel im Westfalen-Blatt vom 04.11.2009

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