Anhang III: Alfener Haus-, Familien- und Flurnamen
1. Ahle (Schörnkarls) Nr. 75
Der Hausplatz stammt von Meilschen. Ein Junge aus Schloytz Hause, die damals Ahle hießen, mit Vornamen Karl, baute das Haus. Seine Frau stammte aus Eysacks Haus. Die Kinder aus dieser Ehe hießen Johannes, Franz und Berta. Johannes heiratete ins Haus, eine Tochter von ihm, aus 2. Ehe, ist heutige Besitzerin.
"Schörn" ist der Name der Straße, die am Hause vorbei zum Dorfe heraus führt.
2. Dransfeld, Nr. 64
Unser Elternhaus- Hausnamen: Anfangs: Schörn-Schauskers", später "Schörnschneyders", jetzt "Schörnhierm".
Das Haus wurde um 1840 von einem Friedrich Becker, der aus Smes Hause stammte und mit uns nicht verwandt war, gebaut als Fachwerkhaus. 1880 brannte es ab und wurde dann massiv wieder aufgebaut. 1884 heiratete unser Vater die Witwe des zweiten Besitzers, Johann Becker. Der jetzige Besitzer ist Hermann Dransfeld, der Mann meiner verstorbenen Schwester Anna.
Der Hausname wechselte also mit dem jeweiligen Besitzer.
3. Kloppenburg, Nr. 20 –Schloyts –
Der Familienname lautete ursprünglich Ahle. 1857 heiratete Theresia Ahle einen Friedrich Kloppenburg aus Wewelsburg. Ihm folgte als Besitzer sein Sohn Johann, diesem der heutige Besitzer Fritz Kloppenburg.
Drüke, Nr. 61 – Pieps –
Der Hausname rührt von dem einstigen Besitzer Pieper her. 1618 war ein Jürgen (Georg) Pieper Templierer (Kapellenvorsteher) in Alfen, wie auf dem alten Taufstein zu lesen ist. Kurz von 1800 wurde ein Heinrich Drüke durch Einheirat Besitzer des Hofes, der damals noch zu den größeren Meiergütern der Gemeinde gehörte. Das alte Pieps'sche Wohnhaus stand links von dem Aufgang zur Almebrücke, jetzt Garten. Es brannte 1887 ab. Pieps erwarben dann das Haus Leniger (Schaps, das sie heute noch bewohnen.
4. Drüke Nr. 57 – Brand –
Bis um 1800 heißt der Besitzer des Hofes Brand. 1803 heiratete ein Johann Drüke aus Pieps Hause eine Witwe Brand und kommt später in den Besitz des Hofes.
An Napoleons Zug gegen Rußland nahmen auf 7 junge Leute aus Alfen teil. Keiner von ihnen kehrte zurück. Unter den 7 napoleonischen Zwangssoldaten befanden sich auch 2 Söhne aus Brands hause, Heinrich und Caspar Brandt. Wie die Überlieferung berichtet, erschien nach vielen Jahren ein verwahrlos aussehender Mensch auf Brands Hofe und behauptete, der seit 1812 verschollene Sohn des Hause zu sein. Es beanspruchte den väterlichen Hof. Da ihn niemand nach seinem Äußeren wiedererkannte, bezweifelte man die Wahrheit seiner Angaben. Trotzdem er im Dorfe und auf dem Hofe gut Bescheid wußte, wurden seine Angaben nicht anerkannt, und schließlich verschwand er wieder auf dem Dorfe.
Igges, Nr. 30 – Richts oder Reks
1837 war ein Johann Fischer Eigentümer. Er war Gemeindehirt des Dorfes. 1834 war ein das Haus vom Sturm umgeblasen und mußte wieder aufgebaut werden.
1849 heiratet ein Johann Richts aus Ahden die Tochter der Eheleute Fischer. Da die Eheleute Richts kinderlos starben, erbt um 1880 ein Hermann Dransfeld das Haus. Von ihm kauft 1887 Ferdinand Igges, der aus Etteln stammte, das Besitztum.
5. Thiemann, Nr. 85 – Reks –
Hermann Dransfeld, der Richts Haus geerbt und dann an Igges verkauft hatte, will zunächst Lenigers Haus kaufen. Schließlich erbaut er sich ein Haus neben Fischer (Reumes). Der Hausname Reks stammt also von Richts her. Durch Einheirat wird Karl Thiemann Eigentümer.
6. Neumann, Nr. 43 – Bäerns –
Das Haus gehörte ursprünglich einer Familie Knaup. Zuletzt wohnten 2 alten Tanten darin. Ein Bruder hatte nach Nordborchen geheiratet, dessen Tochter erbte das Haus in Alfen. Diese heiratete einen Neumann, der aus Klein-Ewers (Bien) Haus stammte.
7. Bien, Nr. 67 – Kleinewers –
Die Familie hieß früher Ewers. Dann heiratete ein Neumann aus Wewer in das Haus. Eine Tochter des Neumann heiratete einen Bien von Nordborchen.
8. Krummel, Nr. 42 – Schusters –
Vor 2 Generationen besaß ein Schneider Hillebrand das Haus. Ein Bruder von ihm heiratete in Helmers Haus. Der Name Hillebrand stammt wahrscheinlich aus Kutschers Haus. Lorenz Hillebrand, der Besitzer des Hauses um 1900, war von Beruf Maurer und wurde Mirbegründer der Alfener Ziegelei. Da sein einziger Sohn im Weltkriege fiel, heiratete die Tochter Franziska Johannes Krummel, der das Besitztum übernahm.
9. Reinstädler, Nr. 45 – Helmers –
Um 1800 besaß ein Wilhelm Kanup das Haus. 1833 heiratete dessen Tochter Margarete den Schumacher Hermann Hillebrand aus Schusters Hause. Seit dieser Zeit tritt auch der Hausname Hilmer oder Helmer auf, anscheinend abgeleitet von dem Namen Hillebrand. 1894 heiratete Johann Reinstädler aus Etteln Christiane Hillebrand und wurde Eigentümer.
10. Becker, Nr. 25 – Uhle –
Vor 1800 soll der Besitzer Dominikus geheißen haben. Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts war Hermann Becker der Inhaber des Gutes. Ihm folgte sein Sohn Liborius Becker. Als er 1851 starb, heiratete seine Witwe eine Joseph Thebille aus Nordborchen. Ein Sohn aus erster Ehe, Heinrich Becker, wurde Erbe des Hofes. Ein Sohn aus der zweiten ehe, Johannes Thebille, war Besitzer des Hauses, in dem sich jetzt die Bäckerei Knust befindet. Diese Familie Thebille zog später nach Oberntudorf und erwarb dort ein größeres Besitztum.
11. Thebille, Nr. 74 – Gastwirt –
Ein Mädchen aus Lötken Haus heiratete einen Thebille aus Nordborchen. Sie kauften sich ein kleines Haus in der Senne, brachen es ab und bauten es in Alfen wieder auf an der Stelle, an der heute die Gastwirtschaft Thebille steht. In dem Hause eröffneten sie ein Kolonialwarengeschäft. Das Gebäude brannte 1887 ab und wurde an gleicher Stelle wieder aufgebaut. Später übernahm Thebille die Gastwirtschaft, die anfangs Kellerwerts, später Vollmes besessen hatten. Der Name Kellerwerts wird nach mündlicher Überlieferung damit erklärt, daß sich hier die Wirtschaft in einem Keller befunden haben soll, also Kellerwirt.
12. Lüke, Nr. 7 – Löyken –
Um 1694 ist ein Dietrich Lüken Besitzer des Hofes, daher rührt auch wohl der heutige Hausname. Vor 1800 kommt ein Hermann Brand durch Einheirat auf den Hof. 1822 heiratet Heinrich Nillies aus Steinhausen Angela Brand und wird dadurch Besitzer des Gutes.
13. Nillies, Nr. 35 – Gehler –
1802 war Liborius Becker, der mit Theresia Dransfeld verheiratet war, Eigentümer des Kolonates. Liborius Becker konnte das Besitztum bedeutend vergrößern. Um 1800 gehörten nur 20 Morgen Ackerland zum Hause, 1835 werden in den Grundbuchakten 135 Morgen als Eigentum angegeben. Der Name Nillies rührt von Löyken her. Heinrich Nillies kommt um 1890 durch Heirat mit Maria Becker in den Besitz des Gehlershofes.
14. Bielemeyer, Nr. 41 – Hüwels –
1800 war Caspar Rose Besitzer des Hofes, danach sein Sohn Heinrich Rose. 1847 wird das Besitztum wegen Überschuldung gerichtlich verkauft. Es wurde erworben von Joseph Bielemeyer, der aus Lötengörs Haus stammte.
Bokhoff, Nr. 29 – Kuoks –
Der Inhaber dieses Köttergutes hieß Pancraz Meyer. Er bewohnte anfangs das Haus Nr. 32, war lange Jahre Gemeindevorsteher und starb nach 1851. Er kaufte 1835 das Haus Nr. 29, das bis dahin zu Neesenmeyers Gut gehört hatte und in dem Kuoks heute noch wohnen. Die 'Tochter von Pancraz Meyer, Anna Margaretha, heiratete 1851 Johann Stephan Bokhoff von Enkhausen. (Im Hause Nr. 32 wohnen jetzt Plaßschmitz).
15. Dransfeld, Nr. 2 – Recken –
1723 hieß der Eigentümer Johann Hermann Möller, genannt Ricke. Später taucht der Name Schlüter auf. 1804 wird Daniel Dransfeld durch Einheirat Besitzer. Ihm folgte Meinolf Dransfeld, dann Joseph Dransfeld.
16. Drüke, Nr. 3 – Timmer – Bürgers –
Das Besitztum, das den Hausnamen Timmer führte, war ursprünglich nur klein. Es wechselte wiederholt den Besitzer (Meschede, Ewers, Grüe), 1837 kaufte es Franz Drüke aus Kerstings Hause. Sein Sohn Joseph pachtete das Gut Wilhelmsburg von den Herren von Brenken und wohnte auch dort. Als es später wieder in das Timmersche Haus zog, entstand der Name Bürger.
17. Drüke, Nr. 89 – Kersting –
Von 1700 besaß eine Familie Kersting den Hof, daher der Hausname. Durch Einheirat wurde ein Drüke Besitzer. Die einzelnen Inhaber hießen: Johann Hermann Drüken (um 1700), verh. Mit Elisabeth Knaup aus Etteln, Bartholomäus Drüke, verh. Mit Elisabeth Wiechers aus Alfen, Johann Joseph Drüke, verh. mit Theresia Fleige aus Alfen. (ein Bruder von ihm war Johann Heinrich, Generalvikar in Paderborn). Weitere Besitzer waren Heinrich Drüke 1814 – 1845, Joseph Drüke, verh. mit Gertrud Tölle aus Busch, Heinrich Drüke, verh. Bernhardine Meyer vom Kleehof in Lippspringe, zuletzt Joseph Drüke, verh. mit Theresia Lükehe aus Kirchborchen. Das alte Kerstingsche Haus stand im Dorfe westlich der alten Kirche und hatte die Hs.-Nr. 27. Im Juli 1900 brannte es ab.
18. Erhardt, Nr. 39 – Meilschen –
Besitzer: Vor 1700 Konrad Rören, dann Augustin Rören (1781 – 1826), Joseph Rören (1826 – 1848), Johann Rören. (Er hatte 3 Brüder, die alle unverheiratet blieben und auf dem Hof starben.) Ihm folgte August Rören, der lange Jahre Ortsvorsteher war und kinderlos starb. 1919 wurde Heinrich Erhardt aus Kirchborchen durch Heirat mit Karoline Wessel Besitzer des Gutes.
19. Gerdiken, Nr. 13 – Kowangen –
Die Familie Gerdiken gehört zu den ältesten der Gemeinde. 1646 schenkte Heinrich Gerdiken der Kapelle in Alfen ein heute noch vorhandenes grünes Messgewand. Das Haus wurde 1707 durch Anton Gerdiken und Anna Maria Rissen erbaut. Im vergangenen Jahrhundert waren Besitzer: Liborius Gerdiken, dann dessen Sohn Johann Heinrich Gerdiken. Als dieser starb, heiratete seine Witwe Bartolomäus Pasel (Karsmeyer), der bis 1853 Inhaber des Hofes war. 1853 übernahm Johann Bernhard Gerdiken (aus erster Ehe) das Gut, er war verh. mit Anna Brand. Ihm folgte 1889 sein Sohn Joseph Gerdkien, dann Bernhard Gerdiken.
20. Lüke, Nr. 16 – Knaup –
Besitzer: vor 1800 Wilhelm Plöger, Hermann Meschede (1778 - 804), verh. mit Maria Anna Plöger, Franz Lüke aus Neuahsu (1804 – 1819), verh. mit Gertrud Meschede, sodann Witwe Gertrud Lüke (1819 – 1850), Hermann Lüke (1850 – 1869), später Johannes Lüke, z.Zt. Hermann Joseph Lüke.
21. Lüke, Nr. 31 – Remmert –
1860 war Schäfer Cord (Conard) Lüke Besitzer. Ihm folgte sein Sohn Joseph, der mit Angela Maria Risse verheiratet war und 1833 starb. 1834 heiratete die Witwe den Schäfer Johann Bernhard Leniger aus Schaps Hause. Danach wurde Eigentümer sein Stiefsohn Caspar Lüke, verh. mit Gertrud Thebille. Caspar Lüke hatte eine großen Namen als "Dorfdoktor für Menschen und Vieh". Jetziger Besitzer ist Joseph Lüke.
22. Meyer, Nr. 4 – Lehnert –
Der Hausnamen rührt wahrscheinlich von einem früheren Besitzer her, der den Namen Leonhard als Vor- oder Familiennamen führte. Eigentümer war 1738 Meinolf Schlüter, später ein Caspar Schlüter. Ihm folgte durch Einheirat Caspar Meyer, dann von 1818 an dessen Sohn Aloys Meyer. Gutsnachfolger wurde seinSohn Johann Meyer, verh. mit einer Tochter von Menkenhof in Nordborchen. Ihm folgte Caspar Meyer, der 1939 starb.
23. Ahrens, Nr. 18 – Westermeyer –
Um 1800 hieß der Besitzer Friedrich Gaukstern, ihm folgte sein Sohn Franz Gaukstern. Dessen Witwe Elisabeth Catharina, geb. Herwald heiratete 1827 den Augustin Ahrens. 1857 wurde Aloys Ahrens, ein Sohn aus der zweiten Ehe, Eigentümer der Hofes. Ihm folgte sein Sohn August, jetziger Besitzer ist Aloys Ahrens.
24. Rochell, Nr. 14 – Ewersmeyer –
Besitzer ist 1816 Hermann Happe, ab 1833 durch Einheirat Heinrich Rülle aus Verne, der schon 1835 starb. 1837 heiratet die Witwe Wihelm Welle aus Upsprunge. Aus der ersten Ehe waren 2 Töchter vorhanden, von denen Franziska Rülle 1869 Anton Rochell aus Oberntudorf heiratete. Ihm folgte als Eigentümer sein Sohn Wilhelm, dann dessen Sohn Konrad Rochell.
Die Familie wohnte früher in dem jetzigen Hüsters (Hackers) Haus, durch Kauf wurde dann das jetzige Wohnhaus Nr. 14 von dem bisherigen Besitzer Risse erworben.
25. Schulte, Nr. 17 – Görsmeyer –
Besizer: Um 1800 Franz Fleige, dann sein Sohn Meinolf Fleige, darauf Johann Fleige, der mit Gertrud Köhne verheiratet war. Durch Heirat mit Elisabeth Fleige kam 1852 Karl Lükehe aus Kirchborchen auf den Hof. 1921 wurde Joseph Schulte aus Garfeln bei Hörste durch Einheirat Besitzer.
26. Ahle, Nr. 10 – Kutschers –
Der Hausname hieß nach der Angabe von Pfarrer Ernesti im Jahre 1672 "Kettelböker". Besitzer: Um 1800 Georg Hillebrand, dann ab 1822 dessen Sohn Meinolf Hillebrand, der mit Magdalena Schilling verheiratet war. Darauf Franz Hillebrand (1848 – 1861), dem dessen Sohn Franz folgte. 1902 wurde Friedrich Ahle aus Oberntudorf durch Einheirat Besitzer.
27. Ahrens, Nr. 26 – Cordneesen –
Der Hausname soll wie folgt entstanden sein: Vor 1800 gab es in Alfen einen größeren Meierhof, dessen Besitzer den Namen Neese Trug. (Meier Neese wohnte damals in dem jetzigen Kuokshause). Ein Sohn aus dieser Familie, Cord oder Conrad Neese, übernahm das Haus Nr. 26. Der Name Cord-Neese blieb auch, als der Familienname durch Einheirat wechselte. Besitzer: Um 1800 Joseph Ahrens, dann Friedrich Ahrens (1807 – 1849), der mit Maria Magdalena Brandt verheiratet war. Ihm folgte sein Sohn Franz Ahrens (1849 – 1858), diesem dessen Bruder Augustin Ahrens.
28. Beier, Nr. 36 – Warks –
Ursprünglich hieß der Besitzer Warks, daher der Hausname. 1818 erwarb Schneider Hermann Thiele das Kolonat, 1851 folgte ihm sein Sohn Joseph Thiele, der ebenfalls Schneider war. Der Anbau am Wohnhaus wurde 1890 ausgeführt. 1934 kaufte Karl Beier das Besitztum von Kaspar Thiele, der nach Paderborn verzog.
29. Pasel, Nr. 1 – Schneyderjosts –
Vor Reken Einfahrt stand früher ein kleines Fachwerkhaus, in dem sich eine Schmiede, wahrscheinlich eine Kupferschmiede, befand. Hier ließen die Dorfbewohner ihre Kupferkessel ausbessern. Der Schmied hieß Thiele, hatte eine Dransfeld aus Reken Hause zur Frau und war verwandt mit Warks. Der Name Thiele stammt wahrscheinlich von Arolsen. Später heiratete ein Kloppenburg aus Schloyts Hause hinein. Der jetzige Name Pasel stammt aus Reksmeyers Haus.
30. Bokhoff, Nr. 49 – Freydags –
1816 ist Witwe Caspar Fischer, geb. Sophia Peitz Besitzerin. Von ihr erbt ihr Sohn Heinrich Fischer die kleine Besitzung. Dieser hatte drei Töchter Anna, Berta und Franziska, von denen Anna das Haus erhielt und sich mit einem Freitag aus Wewer verheiratete. 1872 wurde das Anwesen wegen Überschuldung verkauft, wahrscheinlich übernahmen es Hüwels. 1890 kaufte es Daniel Bokhoff, der mit Maria Kloppenburg verheiratet war.
31. Ewers, Nr. 54 – Klinkenmeyer –
Der Besitzer dieses Hauses, der Wagner Adolf Beckmann, bewirtschaftete zeitweise den Klinkenhof, das adelige Gut des Freiherrn von Imbsen. Daher rührt noch der heutige Hausname. Adolf Beckmann war verheiratet mit Margarete Leniger. Im folgte sein Sohn Friedrich Beckmann, der Theresia Dransfeld zur Frau hatte. 1869 übernahm deren Sohn Johann Beckmann, der mit Catharina Fischer aus Reumes Hause, einer Schwester unserer Mutter verheiratet war, das Besitztum. Ihm folgte sein Sohn Friedrich Beckmann, der sein Eigentum kurz vor dem Weltkriege an Kaspar Schumacher verkaufte. Da dieser im Krieg fiel, übernahm es dessen Schwager Friedrich Ewers.
32. Igges, Nr. 48 – Münksel –
1816 war Zimmermann Hermann Münksel Besitzer. Ihm folgte 1830 sein Sohn Zimmermann, Musiker und Hausschlächter Meinolf Münksel. Er war dreimal verheiratet: in erster Ehe mit Theresia Droll, in zweiter Ehe mit Maria Rose aus Obertudorf, in dritter Ehe mit Theresia Kanup aus Alfen. Die einzige Tochter aus der dritten Ehe heiratete ins Haus, und zwar einen Joseph Schmidt aus Kirchborchen. Durch Verkauf kam der Besitzer an Caspar Leniger (Schaps), einen Bruder unserer Großmutter, der mit Franziska Gerdiken verheiratet war. In zweiter Ehe heiratete diese Franz Müller. Durch Heirat mit der ältesten Tochter Maria Müller wurde Johannes Igges Eigentümer.
33. Müller, Nr. 53 – Henkenmeyer –
1700 ist ein Stephan Henke, genannt Henkemeyer Eigentümer. Er war verheiratet mit Margaretha Köstersmeyer. 1819 ist Friedrich Lotteritz, der mit Maria Knaup, verwitwete Osthoff in kinderloser Ehe lebte, Inhaber der Kötterstelle. Nach ihm erbt ein Augustin Happe, der mit einer Anna Maria Lotteritz, einer Verwandten des Friedrich Lotteritz, verheiratet war, Haus und Land. Anna Maria, die einzige Tochter der Eheleute happe, heiratete 1850 den Maurer Johann Müller. Ihm folgte sein Sohn Konrad Müller.
34. Schumacher, Nr. 37 – Schmies –
1800 war Meinolf Becker Eigentümer. Ihm folgte sein Sohn Joseph Becker, der mit Anna Maria Happe verheiratet war. Dann war deren Sohn Friedrich , der Clementine Drüke aus Alfen zur Frau hatte, seit 1845 Besitzer. Die Tochter Anna Becker heiratete eine Caspar Schumacher aus Kirchborchen. 1903 übernahm Wilhelm Schumacher, der mit Bernardine Drüke verheiratet war, das Anwesen.
35. Fischer, Nr. 44 – Reumers –
1816 ist Bories (Liborius) Fischer der Inhaber des Kolonats. Damals hieß der Hausname Reumerjohann. Auf Bories Fischer folgte sein Sohn Meinolf Fischer, auf diesen 1846 wiederum Meinolf Fischer, der Maria Leniger aus Schaps Hause zur Frau hatte. Nach ihm erbte sein Sohn Friedrich Fischer das Eigentum.
36. Hansmeyer, Nr. 40 – Göllner –
1800 war Martin Müller Besitzer. Ihm folgte Friedrich Müller, verheiratet mit Anna Margaretha Happe. (Ein Sohn dieses Ehepaars, Johann Joseph war der Großvater des jetzigen Reichsbischofs Müller der evangelischen Kirche.) Der nachfolgende Besitzer hieß, wie sein Vater, Friedrich Müller, seine Frau Gertrud Fleige. Die Tochter Karoline heiratete 1841 Konrad Hansmeyer aus Etteln. Ihm folgte 1879 Joseph Hansmeyer, dann Konrad Hansmeyer.
37. Meier, Nr. 55, - Kellerwirth –
Von 1800 an waren Inhaber: Anton Seuning, Schumacher Friedrich Seuning, verheiratet mit Elisabeth Volmary, ab 1855 Schäfer Joseph Seuning, verheiratet mit Caroline Droll, dann deren Schwiegersohn Christoph Löseke aus Enkhausen, ebenfalls Schäfer. Da die Ehe kinderlos blieb, erbte 1932 Bernhard Meyer den Hof.
Das alte Kellerwirthsche Haus stand mitten im Dorf. Der Inhaber soll vor vielen Jahrzehnten eine Wirtschaft betrieben haben, und zwar im Keller, daher der Hausname.
38. Becker, - Lütken –
Der Lütkenhof stand dort, wo später das Pastorat errichtet wurde. Um 1750 war ein Johann Lütteke Besitzer des Hofes, derher rührt der Hausname. Um 1800 hieß der Eigentümer Konrad Volmari, dessen Tocher Theresia im Jahre 1824 Johann Becker heiratete. Diese übertrugen 1868 den Hof ihren Söhnen Daniel und Hermann zum gemeinschaftlichen Eigentum. Außer ihnen waren noch 6 Geschwister vorhanden: Dorothea, Elisabeth, Johann, Heinrich, Maria und Karl.
Daniel schied aus der Verwaltung des Hofes aus, kam 1883 als Ackerwirt nach Kirchborchen und starb dort 1895.
Johann verunglückte 1879, 41 Jahre alt, indem ihn das eigene Fuhrwerk überfuhr.
Heinricht starb 1884, seine Frau hieß Maria Bockhoff.
Dorothea heiratete Johann Nillies (Loyken).
Elisabeth heiratete Lorenz Thebille (Wirtschaft).
Karl, von Beruf Schäfer, starb 1906 in Steele/Ruhr, er wurde in Alfen beerdigt.
Hermann, der Besitzer des Hofes, starb 1904.
Maria, die letzte Erbin, übertrug 1913 das gesamte Vermögen dem Franziskanerkloster in Paderborn, und als dieser das Vermächtnis ablehnte, 1920 durch Nottestament der Kirchengemeinde Alfen.
39. Verschiedene Haus- u. Familiennamen
Der Name Kruse (Plaßschmidts und Krusenschmidts) stammt aus Kleinschmidts Haus. Später heiratete ein Witte aus Wewelsburg herein. Bei Bürgers, wo jetzt die Wagenremise steht, befand sich ein kleines Miethaus, in dem der alte Lammers geboren wurde.
Neben Brembärens stand an der Alme ein weiteres Haus, das den Hausnamen Schulschneiders führte. Darin wohnte zunächst ein Schreiner Paschen, dann eine Familie Lippegaus.
Haus- und Familiennamen
Franz Kruse
Wie in den meisten ländlichen Gegenden Westfalens so hat auch in Alfen nicht nur jede Person eine Familiennamen (Schreibnamen), sondern auch die meisten Häuser haben einen besonderen Namen (dasselbe findet man auch in anderen Ländern, z.B. Russland). Nur in wenigen Fällen stimmt der Hausname mit dem Familiennamen überein: Igges, Lammers, Pasel, Thiemann, Halsband, Drüke, Thebille, Bohr. Diese Tatsache aber gibt uns einen Anhalt dafür, wie ein Teil dieser Hausnamen entstanden ist. Der Name des ersten Besitzers übertrug sich auf das Haus und blieb mit demselben auch verbunden, wenn die Tochter das Haus übernahm und durch Heirat ein anderer Name in das Haus kam. Während bei manchen Häusern dieser Wandel erst einige Generationen zurückliegt, kann er bei anderen nicht mehr verfolgt werden. So kommt es, daß Namen, die auf der einen Seite ein Haus benennen, in anderen Häusern als Familiennamen auftreten: Ewers, Drüke, Thelbille, Neumann, Pasel, Lüke. Andere Namen, die sich einst auf Häuser übertrugen, und vor 300 und mehr Jahren als Familiennamen noch heimisch waren, sind als Familiennamen mittlerweile ausgestorben: Neesen, Göllner, Henke, Brand, Korten (Kortneesen), später verstümmelt in "Kanäsen", Klinkenmeier, Westermeier, Peiper, Uhle, Kersting, Schlüter, Lehnert, Lütken, Kortmann, Bürger, Drükenbauer. Manche derartige Namen sind schon seit Jahrhunderten in Alfen nicht mehr zu finden, aber in anderen Gegenden noch anzutreffen: Rieke, Schniederjost, Görres (Göers), Hüwel, Freitag, Mühlenbein, Schuster, Hecker, Koch, Falke, Kutscher, Knitter Knaub, Schmidt, Kleinschmdit, Abel, Volmer, Wark, Michels, Brahmbernd, Schaub, Scheider, Fritze, Remmer, Münikel (Münksel), Lünen.
Die Zahl der Namen, die ursprünglich nur dem Hause eigen waren, ist sehr gering: Kuhwangen, Klinkenhöfers, Platzschmied, vielleicht auch Gählers, Westermeier, Schmieds.
Wenn ich versuche, die Familiennamen, die etwa gegen 1900 in Alfen auftraten, zu deuten, dann mache ich zwischen den Familiennamen und den auf Häusern übertragenen Namen keinen Unterschied.
Personennamen sind so alt wie die Menschheit selbst. Doch sind Familiennamen im Gegensatz zu den Vornamen in Deutschland größtenteils erst im 10. Jahrhundert entstanden. Die Juden erhielten ihre Familiennamen erst gegen 1800 bei der in den einzelnen deutschen Ländern (nicht zu gleicher Zeit) durchgeführten Emanzipation. Ganz verschieden waren die Umstände, nach denen man eine Person zu identifizieren suchte: nach dem Beruf, dem Wohnplatz, körperlichen oder geistigen Eigenschaften, der Herkunft usw. Wenngleich diese damaligen Verhältnisse auf die heutigen Namensträger längst nicht mehr zutreffen, so ist es doch interessant, sie und ihre Beziehung zu unsereren Vorfahren zu kennen.
In den ältesten Zeiten gaben Tiere alter Sagen vielfach Veranlassung zur Namensbildung. Eine große Anzahl deutscher Namen hat ihren Ursprung in altheidnischen und frühchristlichen Namen. Zu diesen gehören:
- Kecker, Henke: von Hagihari, von Hag = eingefriedigter Ort,
- Münskel: von Munibert, von "mun" = denken,
- Helmer: von Helmhard = Helmträger,
- Tröner: von Thränhard, Trehenlinus, Träne,
- Remmers, Reumers: von Hrodmar, hord = der Siegreiche,
- Rekes, Reckers: von Raghar oder Ragin = der das Schicksal lenkende Gott,
- Volmer: von Volkmar, Volk = Kriegsvolk,
- Lütken, Lüthen, Lüke: von Luidulf, Leute = Volk, vielleicht auch von Kuaks,
- Lückehe (ursprünglich Lükehede): Hede = Heide,
- Hillebrand: Hild = Kampf,
- Rochel: von Hrod = der Siegreiche oder von Rochus = der Felds,
- Krummel: Kurzform von Romulf, Ruhm,
- Drüke: von Drudiko, Drud = Kraft, Stärke,
- Löseke: von Chlodulf, "lut" = laut, klar, deutlich,
- Erhard (althochdeutscher Name): von Ehre = Achtung,
- Thiele: von Theudolf, Diet = Volk oder von Matthias = Geschenk Gottes,
- Uhle: von Ulrich = Stammsitz - Herr.
Namen alter Sagentiere liegen folgenden Namen zu Grunde:
- Ewers, Iäwers: von Eber,
- Bärens, Pasel: von Basso, Bär,
- Bien: von Bernhold, Bär,
- Falken: Falk = Raubvogel,
- Ahrens: von Arnhold, Aar, Adler,
Jünger dürften folgende Namen sein:
- Kortmann: Konrad = Rater der Sippe,
- Näisen, Neesen: Agnes = die Keusche,
- Kanäisen (früher Kortneesen): Konrad - Agnes,
- Göers: Gregor = der Wachsame,
- Öäwels: Abel = Nichtigkeit, Hauch,
- Fretzen: Fritz, Friedrich = Friedensfürst,
- Michels: Michael = Wer ist wie Gott,
- Nillies: Kornelius = der Dauernde, Feste,
- Reks: schwer zu deuten, Abkürzung von Heinrich oder der Reiche oder Reker = Zimmermann,
- Lammers: Lambert = der Vaterland-Glänzende,
- Leniger: Lenior = der Milde,
- Gerdiken: schwer zu deuten, vielleicht Gerhard-Benedikt.
Vielfach pflegte man jemanden einfach nach seinem Beruf zu bezeichnen:
- Müller, Becker (auch: der am Bach Wohnede),
- Fischer, Meier: ursprünglich: Verwalter, später: Eigentümer, dann: Großbauer, Pächter,
- Pieper: Pfeifer,
- Schweins: von Sweina = Knecht,
- Schulte: Stadt- oder Dorfvorsteher,
- Mühlenbeim: woher das Grundwort "bein" kommt, ließ sich nicht feststellen,
- Schuster, Schuhmacher, Schmied: Schmees,
- Koch, Kutscher, Schröder: Schröter = Schneider, derselbe Stamm in dem Worte "Schrot",
- Töpker: Töpfer = Topfmacher,
Oft wurde jemand auch seinem Wohnplatz, manchmal in Verbindung mit seinem Vornamen oder seiner Berufsbezeichnung benannt:
- Brahmbernd: Brahm = Dornengebüsch,
- Bernd: Bernhard,
- Kleejan: Johannes, der am Klee, Klei wohnt,
- Reinstädler: Statt, Siedlung am Rain, Grenze,
- Thebille: zur Biele, Biele ist der Platz, an dem früher das auf der Jagd zusammengetriebene Wild mit Beilen erschlagen wurde. Siehe die Ortsnamen Bielstein, Bielefeld, Bielemeier (Meier an der Biele),
- Bokhof: Buchenhof,
- Lohmann: Mann an der Klinge,
- Thiemann: Tie = Gemeindeversammlungsplatz,
- Hüwel: Hübel = Hügel,
- Schopohl: Schafohl, Ohl = feuchte Niederung,
- Schaubsschneider: Schaub = Kleid,
Eigenschaften irgend welcher Art konnten den Namen geben:
- Neumann: der Neuzugezogene,
- Kruse: der Krause,
- Reike, Ricke, Risse: der Reiche, Mächtige, später auch der Wohlhabende,
- Rieksmeier: von Ricke, Heinrichsmeier,
- Knaup: Knorren,
- Witte: der Weiße,
Mitunter wurde die Berufsbezeichnung mit dem Vornamen zu einem Familiennamen zusammengezogen:
- Schniederjost: Schneiderjosef,
- Hansmeier: Johannesmeier= Johannes Bauer,
Ebenso konnte durch Verbindung des Vornamens mit einer Eigenschaft ein Name entstehen:
- Löttengöers: der lütke, kleiner Gregor, vielleicht aber auch: Ludwig - Gregor,
- Kleineewers: der Ewers mit dem kleineren Hofe,
- Kleinschmied: der kleinere Schmied mit dem kleineren Betriebe.
Auch kam es vor, daß jemand nach dem Orte benannt wurde, aus dem er zugezogen war:
- Lünen: Stadt im Industriegebiet,
- Kloppenburg: Stadt bei Oldenburg,
- Dransfeld: Stadt bei Göttigen.
Wie allerlei Umstände eine Namen geben können, zeigen folgende:
- Leinert, Lehnert: dem ein Gut als Lehen übertragen worden war,
- Bürger: der von der Burg Zugezogene oder in der Nähe der Burg Wohnende,1)
- Kersting: Christing, der schon zum Christentum bekehrte,
- Brand: hatte sich da niedergelassen, wo der Wald durch Brand zerstört worden war oder der selbst abgebrannt war,
- Freitag: es kommen die Namen sämtlicher Wochentage als Familiennamen vor, wahrscheinlich nach dem Geburtstage,
- Röhren: wahrscheinlich = Brunnenröhre, der Hof, auf dem ein Brunnen angelegt worden war,
- Fleige: Fliege, vielleicht ein lästiger Mensch,
- Halsband: was Veranlassung zu diesem Namen gab, läßt sich schwer feststellen,
- Knust: Knorren, Brotrinde,
Eine Deutung der Namen "Igges" und "Gählers" habe ich leider nicht gefunden.
Die Zahl der echten Hausnamen, die also von jeher nur dem Hause eigen waren und nicht als Familiennamen auftraten, ist sehr gering.
Der Schneider,Schuster, der in den Schüeren wohnte, erhielt den Namen Schüernschneider, Schüernschuster. Der dort wohnende Karl hieß Schürnkarl.
In Kellerwärts (Kellerwirt) altem Haus waren vorzügliche, gewölbte Keller.
Kuhwangen = Kuhweide (siehe oben),
Warks: Warkos = der abseits Wohnende,
Klinkenhöfer: der Hof and der Klinge, (s.o.),
Plasschmied: der Schmied, der auf dem Platze zwischen Volmers und Neesen Hause wohnte, wo jetzt noch das Agatha-Heiligenhäuschen steht, später wohnte hier Familie Thiemann,
Übrigens ist die Familie Kruse ein Zweig der Familie Kruse - Schmied.
Lindenmeier nannte sich der Meier bei den Linden. jetzt Bäcker Knust, die Familie Thebille-Lindenmeier kaufte 1905 das Gut Espenfeld bei Oberntudorf, im Volksmund auch "Stuckebrand" genannt. Auf dem Platz der jetzigen Bäckerei Knust stand bis etwa 1885 ein Häuschen, das der Familie Engelke gehörte (Engelke von Engelhard = der Engelstarke).
Daß ausnahmsweise auch der Vorname der Frau einem Hause den Namen geben konnte, zeigen die Namen Justchens (von Auguste) und Neesen (von Agnses).
Nicht sicher zu deuten ist der Namen Meilschen. Wahrscheinlich stammt er ab von "Mahl" = Gerichtsstätte, Versammlungsplatz und würde dann besagen, daß es sich um einen der ältesten Höfe des Dorfes handelt.
Interessant ist der Name "Hankäs" (Daß er in seiner Form sehr drastisch ist, fällt keinen Alfener heute mehr auf.) Als der Pfarrer Thiemann (Kirchborchen) 1806 - 1820 auf der Kanzlei einmal über den Alkoholmißbrauch sprach, geißelte er vor allem die Verhältnisse in Alfen, das in den Augen der Geistlichen lange Jahre als das räudige Schaf der Pfarrei Kirchborchen galt. Dabei rügte er, daß die Männer des Abends oft so lange im Wirtshaus "hängenblieben". Dabei soll er in Anspielung auf das Haus Kleinenkurtschers, in dem damals noch eine kleine Wirtschaft war, den Namen "Hankäs" geprägt haben, der fortan mit dem Hause verbunden blieb, während der ursprüngliche Hausname "Kleinenkutschers" in Vergessenheit geriet.2)
Von alten Alfener Namen, die inzwischen ausgestorben sind seien noch folgende erwähnt:
- Regelt: Ragin = Rat,
- Höffer: von Hover = Euwer = Buckel,
- Timmer: Zimmermann,
- Heinemann: von Haginold, von Hag = eingefriedigter Ort,
- Stümpel: Baumstumpf, kleiner dicker Mann,
- Droll: von Troll, drall = klein, spaßhaft,
- Sintemann: Sinthar, von Sint = Fahrt,
- Jürgens: Georg = Landmann,
- Hachmeister: von Hag,
- Bueren: von Bauer = Mitbewohner, Dorfgenosse, später: Landwirt,
- Dume: von Thomas = Zwilling,
- Fecke: von Fagher, Fagin = sich freuen,
- Wulf: Wolf,
- Salmes = von Sal = feierlich übergebenes Grundstück,
- Salmann: Grundstücksvermittler,
- Kröger: der Inhaber des Kruges, einer Wirtschaft.
Bemerkungen:
- 1) Bürgers (Drüke) wohnten bis gegen 1880 auf der Wilhelmsburg. Links vom Eingange von Bürgers Hofe wohnte damals die Familie Lammers, damals "Altenhöfers"genannt.
- 2) In Alfen wurde damals in etwa 14 Häusern Schnaps gebrannt, was naturgemäß auch den Schnapskonsum entsprechend steigerte. Im Kampf gegen diesen Alkolholmißbrauch wurde 1852 die Mäßigkeitsbruderschaft gegründet. Daß das Schnapstrinken bei größerer Arbeit (Mähen, Dreschen, Bauarbeiten) fast ganz aufhörte, ist größtenteils das Verdienst dieser Bruderschaft, deren Mitglieder sich verpflichteten, keine gebrannten Getränke zu genießen.
Ein anderes Mal soll der Pastor in Bezug auf die Schützenfeste etwa folgendes gesagt haben: "In Kirchborchen wird nicht getanzt. In Nordborchen hält man auch nicht viel von Festen. Aber Alfen! Alfen! Dieses kleine Bethlehm! Drei Tage will es Schützenfest feiern!" Und fortan wurde unser Heimtdörfchen in der ganzen Nachbarschaft "Alfen-Kleinbethlehm" genannt. Auch noch 1900 stand Alfen bei der Pfarrgeistlichkeit in keinem besonderen Ruf. So sagte Kaplan Ising einst in der alten Alfener Kirche ziemlich wörtlich: "Nun ist in der Pfarrei vor kurzem die Jünglings-Solidarität gegründet worden. In Kirchborchen sind auch die meisten beigetreten, in Nordborchen auch eine ganze Anzahl. Aber in Alfen? Sage und schreibe drei."
Orts- und Flurbezeichnungen von Alfen
Es ist eine zwar sehr interessante, aber nicht weniger gewagte Aufgabe, Eigennamen zu deuten. Während bei manchen Namen eine Deutung sehr nahe liegt und jeden Zweifel ausschließt, sind bei anderen mehrere (bis zu fünf) Deutungen möglich. Diese Arbeit habe ich vor mehr als zwanzig Jahren begonnen. Sie sollte als Anhang zur Geschichte von Alfen von Prälat Schäfers dienen. Immer wieder habe ich Neues entdeckt und immer wieder Änderungen vorgenommen. Nunmehr, im Alter von nahezu 77 Jahren, will ich diese Arbeit zum Abschluß bringen. Ich gebe mich dabei der Erwartung hin, daß die Fehldeutungen, die immer noch nicht ausgeschlossen sind, sich inzwischen auf ein Mindestmaß beschränken. So übergebe ich die nun folgenden Ausführungen hiermit meiner Heimatgemeinde Alfen in der Erwartung, daß sie eine kleine Ergänzung der Heimatgeschichte Alfens von Prälat Schäfers darstellen und zur Stärkung des Heimatgefühls meiner Alfener Landsleute beitragen möge.
Dorsten , im Juni 1964, Franz Kruse
Die Namen des Ortes und der Ortsteile
Wenn Goethe einmal sagt: "Name ist Schall und Rauch", dann trifft das wohl bis zu einem gewissen Grade für Personennamen zu. Diese stehen zu ihrem heutigen Träger in der Regel in gar keiner Beziehung mehr. Anders bei Orts- und Flurnamen. Diese haben auch für die heutigen Verhältnisse vielfach noch eine große Bedeutung, geben andererseits über frührere Verhältnisse oft interessante Auskunft.
Bei dem Namen "Alfen" glaubt man zunächst eine Kurzform von dem Namen "Adolf" vor sich zu haben. Doch deutet schon die Endung "en" darauf hin, daß es sich um eine Mehrzahl handelt. Zudem muß man bedenken, daß die meisten Orts-, Flur- und Familiennamen im Lauf der Jahrhunderte eine Wandlung durchgemacht haben. Man ist daher gezwungen, auf die älteste Form des Namens zurückzugehen.
Alfen hieß im Jahre 1078 "Alflaan", im 13. Jahrhundert "Alfnen". Auch die Schreibweise "Alfnon" kommt vor. "Alflaan" ist ein zusammengesetztes Wort: Alf - laan. Das Grundwort "laan" wird gedeutet als die Mehrzahl von "loh". Man verstand darunter ein Wäldchen (Marienloh, Gütersloh usw).1) Das Bestimmungswort "Alf" hat denselben Stamm wie das schwedische Wort "Elf" = Flüßchen, wie es in manchen schwedischen Flußnamen (Dalelf, Tarnelf, sowie in den deutschen Namen "Elbe" und den Ortsnamen "Elberfeld, Elverfeld" noch vorhanden ist. Somit würde "Alflann, Alfnen, Alfen" soviel bedeuten wie Wasserwäldchen (Mehrzahl). Demnach haben Wasser und Wald dem Gelände, auf dem heute das Dorf steht, das Gepräge gegeben. 2)
Wie das Wasser für die Namensgebung ausschlaggebend werden konnte, lehrt eine kurze Betrachtung. Der Fluß unserer Heimat ist die Alme, entspringt bei dem Dorfe Alme.3) Gegen 800 (zur Zeit Karls des Großen) führten Fluß und Dorf den Namen "Almena". Dieses ist ein zusammengesetztes Wort: "Al - mena". Das Grundwort wird zurückgeführt auf das alte "Monia" = fließendes Wasser. "al" ist eine Verschärfung, Steigerung von "fließend" (ähnlich wie in den Wörtern "allgütig, allerhöchst, allzubald, allzuoft, allerliebst"). Somit würde "Alme" so viel bedeuten wie "schnell fließendes Wasser". Der Inhalt dieses Namens wird uns klar, wenn wir bedenken, daß die Alme auf einem Lauf von 45 km ein Gefälle von 225 m hat, im Durchschnitt also 1 : 200.
Es ist bekannt, daß die Alme oft über die Ufer tritt. Mehr als heute blieben früher nach solchen Überschwemmungen Teiche, Tümpel und Wasserlöcher zurück. So wird das Wiesengelände zwischen dem heutigen Kerstingschen Hof (erbaut 1900 - 1901) und dem Wege nach Niedertudorf noch heute als "Kuatenpäule" (kleine Pfuhle) bezeichnet. Von den Wasserlöchern, die früher hier gewesen sind, ist heute nur noch die "Sandkuhle" auf Schmieds (Kruse) Wiese vorhanden. Auch kennt jeder Alfener die kleine Quelle, die sich unmittelbar daneben befindet und fast das ganze Jahr hindurch sprudelt.
An der Südwestecke des Dorfes, in der Nähe des Westermeierschen Hofes entspringt die "Bicke" (Bach), die bis kurz vor dem 1. Weltkrieg (1914 - 11918) in großzügiger, romantischer Weise die ganze Straße als Flußbett benutzte und ein Lieblingstummelplatz für die anwohnende Dorfjugend war.
Im Südosten des Dorfes befindet sich noch eine größere Quelle: "Dispeln" (von Diesch = Strudel), hart an der äußersten Kante der Wiese an "Leinerts Breien".
An den Abhängen, die das Dorf im Norden umschließen, bzw. ihm hier den Boden gegeben haben, führen mehrere flache Mulden zu Tal. Der "Sieken" ist bekannt dafür, daß er auch im Sommer in mehreren Läufen Wasser führt. (Sieken wahrscheinlich von siek = seicht = niedrig) 4)
Eine Parzelle östlich des Schüren wurde von den alten Leuten als "Diek" (Teich) bezeichnet. Hier war früher ein Teich. Die Möglichkeit zum Bilden von Wasserlöchern ist hier gegeben durch die großen Lehmgehalt des Bodens, der das Wasser nicht durchsickern läßt.
Gegenüber des Pastorats befindet sich ein Brunnen mit recht hohen Wasserstand: "Lütken Kuhle", benannt nach dem früheren Lütkeschen Hofes.
In den Eschen fließen bei Regenwetter größere Wassermengen. Daß auch die zum Klinkenhofe (Kruse) gehörenden Wiesen westlich der Kreisstraße an der Alme früher sumpfig gewesen sind, läßt sich noch heute deutlich erkennen. Um das Wasser aus muldenförmigen Vertiefungen abzuleiten, müssen oft Wassergräben rechtwinkelig durch Dücker untereinander hergeführt werden. Wenn diese das Wasser nicht fassen können oder verstopft sind, bilden sich hier Tümpel. Diese Umstände gaben dem Hofe den Namen "Klinkenhof" (Hof an der Klinge, Klinge = sumpfiges Gelände).5) Die ehemalige Grenze dieses sumpfigen Geländes ist dort zu suchen, wo heute die zu Kutschers, Knitters, Kowangen und Iawers Hofe gehörenden Gärten liegen. Solche Hänge, die stets feucht sind, ohne unter Wasser zu stehen, haben naturgemäß eine üppigen Graswuchs. Sie sind vorzügliche Viehweiden. Man bezeichnet sie als "Wange". In Alfen, wo sie als Kuhweide benutzt wurden, nannte man sie "Kuhwange". Der Gerdikensche Hof, der hier liegt, führt danach seit Jahrhunderten den Namen "Kuhwangen". (In den Akten des Grundbuch- und Katasteramtes unverständlicherweise auch "Kohwangen".)6)
Wenden wir uns dem Grundwort "laan" zu, dann suchen wir allerdings die Wäldchen vergebens. Nur bescheidene Reste sind noch vorhanden: "Göers-Berg" und ein kleiner Eichenbestand auf "Meilschen Kampe", der ehedem wesentlich größer war und sich in den siebziger Jahren (1870) bis in die Nähe von Warks Hause hinzog. "Leinerts Berg" ist beim Bahnbau (1895 - 1898) fast völlig verschwunden. Auf weitere ehemalige Wäldchen weisen nur Flurnamen und Namen von Ortsteilen hin. Die Länder hinter "Göers Berge" werden als "Bellegro" bezeichnet. Die ältere, unverstümmelte Form ist "Bellingrode". Bell=Weide, Rode = Rodung - also Weidenrodung. Hier auf der Grenze zwischen Wiese und Feld war ehedem Wald, von dem ältere Leute noch erzählt haben. Auch der Name "Bellenstraße" scheint auf Wald hinzudeuten. Bell = Weide, Straße wahrscheinlich von dem alt-hochdeutschen "strut" = Wald.
Umstritten ist der Name "Kippehaue". Vermutlich bedeutet "Kippe" soviel wie Koppe, Kuppe (Kappe), Höhe; und "Haue" soviel wie "Hude", also Höhenweide. Alte Leute wollen von ihren Eltern wissen, daß auf der Kippenhaue das schwache, lahme und krüppelhafte Vieh geweidet wurde, das vom Gemeindehirten mit dem gesunden Vieh nicht hinausgetrieben wurde. Aber abwegig erscheint es, daraufhin "Kippehaue" als Krüppelhude auszulegen. Die Weide befand sich nördlich der Straße zwischen Mühlenbeins und Ricksmeiers Hause. Auf der Kippehaue soll früher eine dicke Linde mit einem Heiligenhäuschen darunter gestanden haben. Außerhalb des Dorfes am Kirchwege ist eine Parzelle, die früher "Koppe" hieß.
Schwer zu deuten ist die Bezeichnung "Im Schüren". Daß sie mit Scheune zusammenhängt, ist zu bezweifeln. Im Mittelalter verstand man unter eine Schür (von scheren) einen einmaligen Holzschlag. Danach müßte im Schüern früher Wald gewesen sein.
Nördlich des Dorfes hinter Warks Hause bezeichnen mehrere Eigentümer ihre Gärten als "Fürk" (von Föhre). Dies deutet auf ehemaligen Nadelwald hin.
Fraglich ist es, ob der Name "Im Eschen" auf ehemaligen Eschenbestand hinweist oder auf die Einfassung des Weges durch Eschen. Der Baum, der heute Eiche heißt, wurde früher "Asche" genannt. (Aschendorf z.B.)
Im Mittelalter bezeichnete man eine nicht eingefriedigte Flur, die mehreren Eigentümers gehörte, als Esch (Münsterland). Vielfach war die gesamte Gemeindeflur in drei Esche = Sommeresch, Winteresch und Brachesch eingeteilt. Es könnte sich hier um nicht eingefriedigte Grundstücke handeln, die zu beiden Seiten dieses Weges lagen. Später eingefriedigte Teile erhielten den Namen "Eschenkamp".
Am Westausgang des Dorfes, wo sich die Wege nach Obern- und Niederntudorf trennen, hieß eine kleine Parzelle früher "Im Holzkamp".
An dieser Stelle sei noch auf eine Bezeichnung -"Beim Richtstuken" - hingewiesen. Stuken = Baumstumpf, allgemein = Pfahl. Richtstuken = Pfahl, nach dem man sich richten konnte. Es war damit jene Tafel gemeint, die früher an Göllens Mauer (jetzt zu Meilschenhofe gehörend), Falken (Thebille) gegenüber stand und auf der zu lesen war: "Gemeinde Alfen, Amt Kirchborchen, Kreis Paderborn, Reg.-Bez. Minden".
Der hier abzweigende Weg an Lammers Haus vorbei hieß "Beim Richtstuken".
Wenn man bedenkt, daß Wälder in ihrem beschatteten, mit Moos bedeckten Boden das Wasser lange festhalten und langsam abfließen lassen, dann erkennt man, daß die Bezeichung "Alfen = Wasserwäldchen" wohl zu Recht besteht.
Anmerkungen:
- Das Terrain, auf dem der Bahnhof Borchen steht, hieß früher "Im Lohnen". In Niederntudorf gibt es einen "Lauweg" (vom Bahnhof zur Alme hin). Beiden Namen scheint das alte "loh" zu Grunde zu liegen.
- Da Wasser und Wald stets die erste Voraussetzung für eine Niederlassung waren, steht der Name Alfen" durchaus nicht einzeln dar. Denselben Wortstamm finden wir in den Namen "Alf" (an der Mosel), "Alfscheid" (Wasserscheide in der Eifel), "Alflen" bei Kochem (früher Alflona), Alfter (bei Bonn), "Bleialf" (bei Prün), "Alfbach", Flüßchen in derselben Gegend), "Affeln" (bei Balve). Interessant ist auch, daß es am Rhein in Holland einen Ort "Alfen" gibt. In der Geschichte der Wiedertäufer wird berichtet, daß in Münster ein "Theodor von Alfen" hingerichtet wurde. Es handelt sich zweifellos um einen Holländer. Dagegen ist "Olfen", Kreis Lüdinghausen, entstanden aus "Wulfloh = Wolfswald. "Aterloh" in Belgien und "Wadersloh" im Münsterland bedeuten dasselbe wie "Alfen", nur handelt es sich da um die Einzahl. Am Niederhein in Sonsbeck bei Xanten gibt es den Familiennamen "Alfen".
- Heimatkenner in Brilon behaupten, die Alme entspringe nicht bei dem Dorfe Alme, sonderen in der Nähe der Stadt Brilon. Dort entspringt nördlich der Straße Brilon - Altenbüren ein Fluß, der den Namen "Aa" = Fluß führt, treibt auf dem Laufe von einigen Kilometern drei Mühlen, kreuzt die Straße Brilon - Scharfenberg und verschwindet dann unter lautem Gepolter in einer Wiese im Erdboden. Es soll nachgewiesen sein, daß dieses Wasser in Alme als "Alme" wieder zum Vorschein kommt.
- Daß "Sieken" von Siech = krank, daß hier also ein Siechenhaus = Krankenhaus gestanden hätte, in diesem Falle abzuleiten ist, liegt, wenngleich diese Deutung nicht ausgeschlossen ist, nicht nahe.
- Derselbe Stamm liegt den Familiennamen Klingenthal, Klinkenmeier, Klinkenbus zu Grunde.
- Dasselbe bedeutet das Wort "Wanne" (Gefäß mit schräg abfallenden Seitenwänden). Dieses findet sich auch in den Ortsnamen Wanne (Stadt im Industriegebiet), Ellwangen (=Erlenwange), Hindelwang (=Hirschwange), Wangeroog.
Flurnamen der Gemarkung Alfen
Wie die Namen der Ortsteile, so geben auch die Namen der Feldflur interessante Auskunft über die früheren Verhältnisse.
Ein großer Teil der Feldflur war wegen ihrer geringen Fruchtbarkeit ehedem nicht umgebrochen, sondern mit Gebüsch und Gestrüpp bestanden. Solche Flächen bezeichnete man als "Dreisch, Driesch, Dreis". Der große Gemeindedreisch am Junkernberge wurde erst während des Ersten Weltkrieg, mit Fichten bepflanzt. Ebenso war die nicht weit davon an der Gabelung Schorenweg - Triftweg gelegene dreieckige Parzelle (früher "Garkuchen" genannt) bis zu ihrer Besiedlung (kurz nach 1900 beginnend) völlig unbenutzt. Bis zum Bau des Hauses Halsband stand vorn auf der Ecke die Vogelstange für das Schützenfest. Das erste Haus südlich der Eisenbahn wurde 1902 von dem Maurermeister Kruse gebaut. Auch der "Dreiswinkel" nördlich des Kirchweges scheint erst später urbar gemacht worden zu sein. Im Lindenfelde bezeichnet man eine Parzelle an der Tudorfer Grenze als "Wasricke" ("Was" = scharf, Ricke = Reihe, Wasricke = Dornengebüsch).
Auch die Bezeichnung "Liet" (= Abhang) deutet auf weniger fruchtbares Gelände hin. So war der "Lietsberg" bis in die neuere Zeit Gemeindedreisch.
"Ortliet" war die Bezeichnung für den Abhang hinter Michels Hause am Kottenberge (später bebaut). Bors und Michels Haus wurden gegen 1896 errichtet. Gegenüber der Gallikapelle außerhalb der Alfener Flur liegt die "Steinliet" 1) Auch die obere Heide (an das Lindenfeld grenzend) ist wohl lange Dreisch gewesen. In drastischer Weise wird die Unfruchtbarkeit des Boden angedeutet durch die Bezeichnung "Teufels Kinnbacken".
Alle diese Bereiche wurden als Schafweiden benutzt. Gegen 1900 hatten Schafherden: Kleejans, Göers, Thebillen, vordem auch Lütken. Mit den Dreischen verschwanden auch langsam die Schafherden, die letzte war Kleejans. Zum Weiden des Rindviehs dienten die Wälder und besondere Gemeindehuden, "Allmende" genannt. Es wird berichtet, daß der Gemeindehirt an bestimmten Tagen der Woche zum Austreiben des Viehs den "Vorderdalspad" (Wakrs Straße, über Lütken Führt, Gauspad, Vorderdalspad), an anderen Tagen den "Oberdalspalt" (Kottenberg, Lindenweg) benutzte.
Auf das Viehtreiben deuten auch andere Namen hin: Eselsweg, Melkeweg, Triftweg ("Trift" von treiben), Kälberloh (Wald für das Jungvieh), Ochsenberg (Göers Berg), Gausepad. Auch der "Fauertoenwiäg" (vom Kasteramt "Fahrthagenweg" genannt), der von Tudorf zum Letzten Heller führt, scheint hierher zu gehören. Als "Fahren", das früher so viel hieß wie "von einem Ort zum anderen sich zu bewegen", bezeichnet man noch heute in manchen Gegenden das Viehtreiben.2) "Hagen" = Gehege von "einhegen" nannte man einen eingefriedigten Wald. "Fahrthagenweg demnach = Weg zum Viehtreiben zu dem eingefriedigten Walde. Tatsächlich reichte das Buchholz früher teilweise bis an diesen Weg.
Daß ein großer Teil der heutigen Feldflur früher mit Wald bestanden war, wird durch viele Flurnamen angedeutet. Da Berge und Abhänge vielfach der Waldwirtschaft dienten, wird im Volksmunde "Berg" = "Wald" gesetzt: Leiners Berg, Göers Berg.
An die ober erwähnte Flur "Bellingrode" schließt sich zwischen Wiese und Feld ein Abhang an, der "Pöppen" (wohl von Pappel) genannt wird. Westlich vom Schorenwege liegt ein Flur "Auf dem Rode" = Auf der Roden. Hier wurde einst Wald gerodet.
An der Tudorfer Grenze vor dem Buchholze ist der Miegampelnbusch (= Ameisenbusch, Ameisenwald.
Auf der Spitze zwischen der Haarener Chaussee und dem Gellinger Wege liegt das oben erwähnte Kälberloh. Vor der Sundern ( dem Wewerholz) wird ein Stück Land bezeichnet als "Knitter" (Knüttel = Knüppelholz).
Der südliche Weg nach Niederntudorf hinter der Sandkuhle links ab führt am Awelau vorbei. "Awe" = "Au" = feuchte Niederung, "lau" = "loh" = Wäldchen. Bekannt ist "Hankäs Äuerken" = "Äuerchen" = kleine Au.3)
Auch mehrere Namen nördlich des Dorfes deuten auf ehemaligen Wald hin. Westlich des Melkeweges heißt eine Parzelle "Im Birken", wo früher vermutlich Birken gestanden haben. Daß hier feuchter, von den Birken bevorzugter Boden war, läßt sich auch daraus schließen, daß unmittelbar daran (auf der Ecke zwischen Melkeweg und Pilschäernweg) das "Weiße Bruch" (Weißer Sumpf) lag. Es war wahrscheinlich mit Wollgras bestanden, das durch seinen Wollschopf der ganzen Fläche ein weißes Aussehen gab. "Brockweg" heißt so viel wie "Bruchweg, Sumpfweg". "Knechtsborn" (an anderer Stelle "Knechtsbrok" genannt) war wohl ein feuchtes Stück Land, daß Knechten der Wilhelmsburg zur Nutznießung übergeben worden war. Es wurde später drainiert zur Vorderdalsgrund hin.
Links von dem Kötterwege liegt das "Lindenfeld". Tatsache ist, daß hier früher Linden standen. Doch findet sich im Grundbuch auch die Bezeichnung "Linnenfeld", was auf den Anbau von Leinen (Flachs) hindeuten würden. Der Weg über das alte Feld heißt auch "Puttenweg". Der Name ist wohl entstanden, als der Weg als erster in der Alfener Flur (1890) mit "Zwetschenputten" bepflanzt wurde. Auf das Heiligenhäuschen dortselbst und das benachbarte Feld hat sich dann der Name übertragen.4)
Um alte Felder scheint es sich zu handeln, wo ein Flur als "Breien, Brede" bezeichnet wird ("breite Ackerfläche"). Westlich vom Melkewege liegt die Rosenbreite, wohl nach dem im Grundbuch erwähnten Besitzer Rose (das Haus stand da, wo heute Hecker-Hüster wohnen) so genannt. Links liegt die "Löpske Breien" (Lippsche Breite). Sie dürfte nach einem früherem Besitzer Philipp benannt worden sein, ähnlich wie Leinerts Breien am Südausgang des Dorfes (von der Eisenbahn durchschnitten) seinen Namen nach dem Besitzer erhielt. Im Gegensatz dazu bezeichnete man ein langes, schmales Stück Land als "Lange Wende". Lange, schmale Parzellen waren vor Jahrhunderten beliebt, da das Wenden mit den damals primiven Pflügen umständlich war. Eine breite Ackerfläche war ein Ausnahme. Eine Parzelle am Eselswege heißt "Lange Wende".
Ein kleiner Teil der niederen Wiesen heißt "Stoppelkamp". Hier war früher Acker. In allen Teilen Westfalens findet man Flurnamen, die zusammengesetzt mit "Kotten" oder "Kötter" (von "Kott" = Schnitt, Schnade, Grenze).5) Einen kleineren durch Teilung eines größeren (Hindurchlegen eines Schnittes, einer Grenze) entstandenen Hof bezeichnete man als "Kotten". So bedeutete "Kotten später allgemein soviel wie "Kleines Haus". Ein solches Haus mit einer kleinen Salzsaline war ein Salzkotten. "Kötterweg", "Kötterberg" ist die Abkürzung von "Salzkötterweg, Salzkötterberg". Doch liegt auch in der Sundern ein Berg, der "Kötterberg" genannt wird. (Ob es sich um einen Grenzberg handelt oder ob man von da aus Salzkotten sehen konnte?) Der "Kottenberg" in Alfen war der Berg mit kleinen Häusern. Am Kottenberge liegt der "Kängel" (= Kogel, Kegel, Bergkegel"). Der "Kötterhagen" (nach Warks und Gählers Hause) scheint ein eingefriedigtes Wäldchen (oder anderes eingefriedigtes Grundstück) gewesen zu sein.
Mit dem Puttwege (auch "Stadtweg" genannt), Melkeweg und Kötterwege kreuzt der Hellweg.6) Er verläuft ziemlich streng aus der Höhe des Haarstranges zwischen der Lippe im Norden und der Alme, Möhne und Ruhr im Süden. Es soll sich bei diesem Wege um eine aus heidnischer Zeit stammende Heeresstraße handeln. Die verschiedenen Deutungen des Namens sind sehr umstritten. Man muß bei der Deutung wohl ausgehen von der im Dialekt erhaltenen Bezeichnung "Hiälewiäg". Diese wird zurückgeführt auf "Hildweg" = Kampfweg, Heeresstraße. An der Straße über dem Dorfe zwischen Gausepad und Stadtberg liegt das "Dalsfeld" (Feld im Tal).
Ein kleiner Berg wird noch heute in manchen Gegenden "Bühel" genannt. Die vorspringende Anhöhe nördlich der Steinliet nennt man "Auf dem Bühel". Südlich des Weges nach Tudorf unmittelbar vor dem Dorfe liegt der "Fitzebühl". Ob man da mit Vorliebe Fitzebohnen angebaut hat ?
Der Stemmerg (Steinberg) trägt seinen Namen wohl zu Recht. Doch ist nicht allgemein bekannt , daß er unseren Vorfahren von 2000 Jahren als Fliehburg gedient hat. Er hat nach drei Seiten hin einen ziemlichen steilen Abhang, der teilweise noch durch die Alme gesichert ist. Wenn man bedenkt, daß jeder Berg durch die normale Erosion der Niederschläge laufend abgetragen wird, dann muß man annehmen, daß der Stemmerg zur Zeit der Anlage der Fliehburg meherere Meter höher war als heute. die vierte Seite dieses Hügels (zum jetzigen Kirchwege hin) wurde durch einen Wall gesichert, dem ein Graben vorgelagert war. Graben und Wall waren gegen 1900 noch in ihrer ganzen Ausdehnung erhalten, in der Mitte als Durchgang durchbrochen. Ein noch erhaltener Rest ist heute noch deutlich zu erkennen, wenn man vom Kirchwege aus über den Stemmerg schaut und den Blick halb rechts wendet. Hinter diesen Wall zog man sich bei Kriegsgefahr mit der ganzen Familie, der wichtigsten Habe und dem Vieh zurück. Vor etwaigen Angriffen war man durch die Alme, die Abhänge und den Wall geschützt.7)
Zum Buchholz führt der "Schauernwiäg". Hier ist wohl die im Grundbuch sich findende Bezeichnung "Schorrenweg" (= steiler, steiniger Weg) richtig. Die Bezeichnung, die sich anfangs wohl nur auf den vorderen Teil des Weges bezog, hat sich später auch auf den übrigen Teil und den Wald, zu dem er führt, übertragen. Auch das Vorkommen von wilden Tieren konnte einer Flur den Namen geben: Migampelnbusch, Röenwinkel (Rüde = männlicher Hund, Dachs, Fuchs, Marder), Hasendamm, Dolskamp (Dohlenkamp), Ravensberg (Rahenberg, zur Nordborchener Flur gehörend), an anderer Stelle als "Ragensberg" bezeichnet.
Unsicher ist die Deutung des Namens "Pilschäerwiäg" (der Teil der Straße von Wewer nach Obertudorf zwischen dem Melkewege und dem Kötterwege). Vor der Erfindung der Feuerwaffen hatte die Jagd eine ganz andere Form als heute. Das Wild wurde wirklich gejagt, getrieben, wobei Hunde und Pferde eine große Rolle spielten. An einer geeigneten Stelle lauerte man dann dem zusammengetriebenen Wild auf, um es zu töten, mit dem Beil zu erschlagen. Diesen dafür geeigneten Platz, dem am "Bile" nannte, kennzeichnete man durch eine Stein, der "Bilstein" oder "Beilstein" genannt wurde. Namen, die sich als Flur- und Ortsnamen wiederholt finden.8) Ein Stück Land, das durch einen vorspringenden Waldzipfel geteilt wurde, nannt man "Schären".9) Somit "Pilschäeren" = (richtiger "Bilschäern) das scherenförmige Stück Land, auf dem der Jäger auf der Jagd das Wild erwartete.
Auch auf ehemalige Wohnstätten und Höfe scheinen einige Flurnamen hinzudeuten. Auf den Ecke Kötterweg - Pilschäernweg liegt die "Halfschmitte" (= halbe Schmiede), vielleicht der Rest einer Siedlung, die hier gewesen sein soll. Die "Lausebuche" (nicht weit von der Halfschmitte am Rande der Sundern erhielt ihren Namen wohl von den in ihren Schatten so gern lagernden Zigeunern. Der Judenweg soll seinen Namen erst in neuerer Zeit, gegen 1880, erhalten haben, weil die Juden ihn benutzten, um ihre Geschäftsfreunde in Kirch- und Nordborchen, Paderborn und den "Trockenen Dörfern" aufzusuchen. Nach Angaben alter Leute soll in Alfen gegen 1880 ein Jude in dem Hause der jetzigen Familien Drüke (Lünen) gewohnt haben.
Manche Namen erklären sich selbst: "Osterberg" (Berg im Osten, am Ostrand der Tudorfer Flur gelegen), "Hillige Straße" (Heilige Straße) wurde wohl bei der Prozession benutzt, "Sonnenberg" (sonniger Berg), "Im Klee, Klei" (Mergelboden = Kalk und Lehm), Strieken (am Gellinger Weg) = Streifen, Sommeriksfeld (Feld an der Sommerseite), östlich von der Haarener Chaussee, Ritterholz und Burgdal, wohl im Hinblick auf die benachbarte Wallburg bei Gellinghausen so genannt. Sehr fraglich erscheint es hingegen, ob die Bezeichnung "Junkernberge" (vom Lehrer Schophol so geprägt) mit der Wallburg zu tun hat, oder der im Volksmunde gebräuchlich Name "Jungfernberg" der ursprüngliche ist. Mit dem Bestimmungswort "Jungfern" bezeichnet man etwas Neues, Erstmaliges.10) Wahrscheinlich hat der Abhang seinen Namen erhalten, als der Grund und Boden zum ersten Male zum Zwecke der Landwirtschaft umgebrochen wurde.
Der "Mühlenweg" und der "Mühlenberg" hatten wohl besondere Bedeutung erlangt, nachdem die Mühle in Alfen eingegangen war. Letztere hatte als Eigentum des Freiherrn von Imbsen in Wewer, dem der Klinkenhof bis 1823 gehörte, ihren Platz an der Alme auf der Grenze von Kuhwangen und Klinkenhöfers Wiese. Kuhwangen Wiese führt heute noch den Namen "Mühlenkamp", während der Kolk in der Alme an der Stelle "Radpfuhl" heißt. Auch die Höhe des Terrain und die eigenwillige Grenzführung deuten darauf in. Das Terrain wurde erst in den neunziger Jahren mit der übrigen Wiese ausnivelliert. Eine über Kuhwangen Wiese führende Mulde, die schon bei gering hochgehender Alme Wasser führt, läßt auf einen ehemaligen Graben schließen.
Interessant ist die Bezeichnung einer Parzelle vor dem Buchholze: "Krumm-hänschen". Hier soll einst ein Landstreicher, der einen Mönch aus dem Kloster Böddeken ermordet hatte, hingerichtet worden sein. Die benachbarten Tudorfer nennen sie "Hänschens Galgen". (Zu diesem Thema siehe auch den Aufsatz "Scribonius, der Schreiber von Haaren".)
Das "Drostenstück", Kerstings Hof gegenüber, war wohl eine Parzelle, deren Nutzung zu den Einkünften eine Drosten (Beamten eines Adeligen) gehörte.
Die Bezeichnung "Sundern" (Wald zwischen Alfen und Wewer) deutet auf den dem Grundherrn gehörenden Grund und Boden hin, der von der Allgemeinnutzung ausgenommen, "ausgesundert" war.11)
Anmerkungen:
- So nennt auch der Schuhmacher die Spitze, mit der er beim Schuhsohlen die Pinne einschlägt, "Ort".
- Schiller sagt in "Wihelm Tell": "Wir fahren zu Berg". In der Eifel fragte ich ein Kind, das Kühe trieb, ob es die Kühe satt hätte, worauf es antwortete: "Ich fahre erst."
- Die in amtlichen Akten zu findende Bezeichnung "Öhrchen" für "Äuerken" und "Migrämekenbusch" für "Migampelnbusch sind typische Blüten der Verhochdeutschungsbestrebungen der Grundbuch- und Katasterämter.
- Als "Pütten" (von dem lateinischen "Putus" = Knäblein) bezeichnet man in der bildenden Kunst kleine Engel. Als Bezeichnung für kleine Bäume scheint das Wort nicht weit verbreitet zu sein.
- Dieses Wort findet sich noch in der Bezeichnung "Schnadstein" (Grenzstein). In Brilon macht man alljährig den "Schnadezug" (Grenzzug, Grenzabschreitung).
- Auch in anderen Gegenden, z.B. dem Münsterland, kommt die Bezeichnung "Hellweg" vor. Ob sie aber gleich zu deuten ist?
- Diese Fliehburg läßt darauf schließen, daß die Siedlung Alfen recht alt ist.
- Auch den Städenamen Beilstein, Beilingen, Bilstein, Bielstein, Bielefeld, Bielau, sowie den Familiennamen Bielemeier, Thebille, Bieling scheint dieser Wortstamm zu Grunde zu liegen.
- An der norwegischen Küste bezeichnet man die durch Landzungen von einander getrennten schmalen Meeresteile als "Schären".
- So nennt man die erste Fahrt, die ein Schiff unternimmt, die "Jungfernfahrt", die erste Rede, die jemand hält, "Jungfernrede".
- So trifft man die Bezeichnung "Sundern, Sondern" öfter, auch in Zusammensetzungen wie Sundern, Sondern, Sonderbach, Sonderheim, Sonderhofen, Sondernach, Sondernau, Sondershausen. Auch die Familiennamen Sundermann, Sünder werden darauf zurückgeführt.
Der Zichorienmax
Erinnerungen aus den neunziger Jahren, von Franz Kruse, Dorsten.
Er war ein Kinderfreund, der Zichorienmax. Daher freuten wir uns jeden Herbst, wenn er kam. Zudem hatte er ja die wichtige Aufgabe, für unser tägliches Getränk, den Zichorienkaffee, das Rohmaterial herzustellen. Man mag der alten Zeit manches Gutes zu Unrecht nachsagen, hier scheint kein Irrtum vorzuliegen: Die Nerven der Jugend wurden ehedem vielfach mehr geschont als heute. Jedenfalls belästigte man sie nicht mit dem aufregenden Bohnenkaffee. Unser tägliches Getränk war der Zichorienkaffee. Und auch die Erwachsenen pflegten ihren Bohnenkaffee mit Zichorienwasser zu strecken und kräftiger zu färben.
Wenn im Frühjahr die Beete im Garten mit Salat, Spinat, Kresse usw. bestellt wurden, dann legte man auf ein Beet in langen Reihen auch den Zichoriensamen. Bald ging er auf und wuchs mit den Möhren um die Wette, von diesen sich nur unterscheidend durch das glattere Laubwerk. Anfang Oktober waren die Zichorien ausgewachsen. Sie hatten die Größe und Form kräftiger Möhren, der Farbe nach ähnelten sie mehr den Zuckerrüben. Sie wurden ausgegraben, gereinigt, von dem Laub befreit und in kleine Würfel geschnitten. Diese wurden an einem luftigen Ort in dünnen Schichten ausgebreitet zum Trocknen. Am nächsten Backtage aber - es hatte damals jedes Bauernhaus noch einen eigenen Backofen - erfolgte eine gründlichere Trocknung. Nachdem das Brot aus dem Ofen gezogen worden war, wurde derselbe mit den Zichorienschnitzeln beschickt. In dünnen Schichten wurden sie auf dem Boden des Ofens, der bekanntlich mit Holz geheizt werden mußte, ausgebreitet. Sobald der Ofen kalt war, waren die Zichorien trocken und konnten herausgenommen werden. Dabei mußte wohl einer der Kleinsten des Hauses in den Ofen kriechen und die Zichorienschnitzel aus den letzten Winkeln des Ofens mit einem Gänsefittig herausfegen. Die Schnitzel wurden dann in Körben oder Säcken an einem luftigen Ort untergebracht und warteten nun auf das eigentliche Brennen, was Sache des Fachmannes war.
Im Spätherbst erschien dann plötzlich im Dorfe der Zichorienmax mit seinem Gehilfen. Ihre Geräte, Brenner, Gestell dazu und Mühle führten sie in Säcken verpackt auf den Rücken geschnallt. Sie kamen aus Richtung Oberntudorf oder Salzkotten; ihre Heimat war meines Wissens die Delbrücker Gegend. In Alfen hatten sie ihr Standquartier bei Rochel-Iäwers. Nachdem sie sich von dem Wege etwas erholt und sich etwas gestärkt hatten, ging sie gleich an die Arbeit.
In dem alten "Backs", der in Iäwers Garten unmittelbar an der "Bicke" stand, wurde in einer Nische, die noch einen Rauchfang hatte, der Brenner aufgestellt.1) Bald flackerte ein lustiges Feuer darunter, und schon saß der alte Zichorienmax und drehte den Brenner, den er mit der ersten Portion Zichorien, von seiner Quartierwirtin gebracht, beschickt hatte. Er drehte und drehte mit bewunderungswürdiger Geduld. Schon hatte sich auch die benachbarte Dorfjugend eingefunden und schaute mit höchstem Interesse seiner Arbeit zu. Er war ein Kinderfreund. Nie hörte man, daß er einem vom uns ein hartes Wort sagte, auch wenn wir ihm hinderlich waren oder direkt im Wege standen. So drehte und drehte er. Doch nach geraumer Zeit hielt er plötzlich inne und drehte dann umgekehrt. Die umstehenden Kinder werden aufmerksam. Doch schon hat er die alte Richtung wiedergefunden. Aber schon wieder hält er ein. Jetzt bewaffnet er die eine Hand mit einem dicken Handschuh, der schon ständig neben ihm gelagen hat, nimmt den Brenner aus dem Feuer und öffnet einen an der Seite befindlichen Schieber. Ein dicker weißer Qualm entquillt dem Brenner. Aber noch scheint der Röstprozeß nicht vollendet zu sein. Der aufs neue verschlossene Brenner wird weiter gedreht, dabei die Richtung öfter gewechselt. Doch jetzt, jetzt ist es soweit. Es naht der für die Kinder interessanteste Augenblick. Der Zichorienmax nimmt den Brenner aus dem Feuer und verläßt das Backhaus. Die Kinder folgen ihn. Draußen hat der Gehilfe ein großes Plantuch ausgebreitet. Auf dieses wird der Brenner entleert. Ein dicker weißer Rauch hüllt im Augenblick alle Umstehenden ein. Anfangs reibt sich mancher die Augen, aber der Durft ist durchaus aromatisch. Diese erste Portion, die der Zichorienmax gebrannt hat, wurde wohl mit besonderer Sorgfalt behandelt. Denn sie muß ihm seine Kunden heranbringen.
Schnell verbreitete sich der Zichorienduft durch die ganze Nachbarschaft, ja durch das ganze Dorf, und bald geht's von Mund zu Mund: "Hä jäi et oll rucken? De Zikurgenmax is do." Mancher moderne Geschäftsmann würde dem Zichorienmax um seine so einfache und doch so wirksame Reklame beneidet haben. Nun brachten die Frauen in Körben, Säcken oder anderen Behältern ihre bereits vorgetrockenten Zichorien her. Während der Meister das Brennen, das wohl die meiste Sachkenntnis erforderte, besorgte, wurden die gebrannten und inzwischen erkalteten Zichorienschnitzel von seinem Gehilfen in einem Nebenraum gemahlen. In Kisten und Fässern wurden die gemahlenen Zichorien wieder abgeholt.
So hatten die beiden ein bis zwei Wochen in Alfen zu tun, und eines Morgen stellten die Kinder fest: Er ist weg. Schade! Und schon zählte man die Tage, bis er im nächsten Jahr wiederkam. Man hatte ihn nun einmal gern, denn er war ein Kinderfreund, der Zichorienmax.
Anmerkungen:
- Backs = Backhaus. Es handelt sich hier um eine der interessanten Abkürzungen - man könnt schon sagen Wortverstümmelungen - bei denen vn einem ganzen Wort nur ein einzelner Buchstabe übrig geblieben ist, hier von dem Grundwort "Haus" nur das "s". Iäwers "Backs" wurde 1912 abgebrochen.
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