Anhang I: Dörfliches Brauchtum um die Mitte des 19. Jahrhunderts

Vorbemerkung:

In den folgenden Kapiteln habe ich versucht, das Brauchtum festzuhalten, das in der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Alfen noch lebendig war. Dabei wurden keine schriftlichen Quellen benutzt, sondern die einzelnen Schilderungen beruhen auf mündliche Mitteilungen meines 1940 im Alter von 84 Jahren verstorbenen Vaters und meines Schwagers Hermann Dransfeld. Den Verlauf eines Richtfestes konnte mir der Zimmermeister des Dorfes, Scholten Jans, aus eigenem Erleben in allen Einzelheiten berichten.

Die um die Jahrhundertwende einsetzende starke wirtschaftliche Entwicklung blieb auch auf das dörfliche Leben nicht ohne Einfluß. Mancher sinnvolle Brauch, der vielleicht zurückreichte bis in die graue Vorzeit und das Leben unserer Ahnen erlebnis- und abwechselungsreich gestaltete, geriet in Vergessenheit. Möge jeder Heimatfreund nach seinen Kräften dazu beitragen, die wenigen Reste alter Überlieferung, die heute noch lebendig sind, weiter zu erhalten für kommende Generationen!

Herne - Holthausen, den 1 April 1941

F. Becker

Hausbau- und Richtfest

Wenn ein Haus durch Feuer vernichtet oder infolge seines Alters baufällig wurde, galt es, ein neues aufzurichten. Bei dieser kostspieligen und schweren Arbeit zeigte sich so recht, wie stark der Wille zum gegenseitigen Helfen in der Dorfgemeinschaft lebendig war. Das Fahren des Baumaterials, Holz, Sand, Steine, geschah stets kostenlos durch die Familien, die über ein Fuhrwerk verfügten. Die Hauptarbeit bei den damals üblichen Fachwerkbauten fiel dem Zimmermann zu. Das Aufrichten des Fachwerkgerüstes galt darum als Höhepunkt der gesamten Bauarbeit. Am Tage vor der "Heosbürge" (Haushebung, Richtfest) wurde ein großer Kreis Helfer eingeladen: alle, die freie Fuhren geleistet hatten, Nachbarn, Freunde und Verwandte. Die Einladung wurde durch den Zimmerlehrling überbracht, der an der rechten Seite ein vom Bauherrn gestiftetes seidenes Tuch trug. Nachdem er am Morgen vor dem Bauherrn und den Handwerkern seinen Einladungsspruch ohne zu stocken aufgesagt hatte, trat er seinen Gang durchs Dorf an.

Der Spruch lautete:

"Ein freundliches Kompliment
von unserem Hausherrn und seiner Frau,
läßt Sie freundlichst einladen
auf morgen früh,
ein Mann zur Haushebung,
und alle übrigen zur Mahlzeit.

Der Anfang wird nicht sein wie gewöhnlich
um ½ 8 oder 9,
sondern um 6.oo Uhr
werden Zimmerleute und Musikanten dasein.
Aber auch eine Erinnerung an die Köchin,
daß sie unsere Köchin
wird gut versorgen
und nicht damit wartet
bis auf den Morgen.

Denn sie ist noch viele gespickte Körbe in Erwarten.
Es gibt Kalb- und Rehbraten
aller Arten
und Schweinefleisch,
das sich der Tisch soll biegen.
Bier und Branntwein,
was ein Mühlenrad treibt.

Unser Bauherr aber hat auch geschrieben
Wohl über den Rhein,
es sollten kommen
24 Faß Wein.
Doch sollte der Fuhrmann gehindert sein,
wird Bier und Branntwein wohl das beste sein."

Nun folgte ein Juchzer und gab es einen Schnaps.

Der wichtige und gefahrvolle Tag der Haushebung begann mit einem Gottesdienst, an dem alle bei der Arbeit Beteiligten teilnahmen. Nach der Weihe der Grundmauern durch den Geistlichen gab es ein gemeinsames Kaffeetrinken mit Platenkuchen. Das Hochbringen der schweren Balken erforderte von allen Helfern der Einsatz ihrer ganzen Kraft und Geschicklichkeit. Als Stärkung gab es zwischendurch Kaffee und Kuchen, hier und da auch einen Schnaps. Mittags zwischen 2 und 3 Uhr erschien die Musik, meist eine ganze Kapelle von 5 Mann. Nachdem die Arbeit glücklich beendet war, machte man einen großen Lärm. Mit Beilen, Hämmern, Sägen und Ketten, die dafür besonders herangeholt waren, schlug man an die Balken. Der Brauch sollte die bösen Geister von dem Neubau fernhalten. Nun folgte nach glücklich vollendeter Arbeit die eigentliche Feier, das Richtfest. Alle Mithelfer verschwanden und stellten sich bald in sonntäglicher Kleidung wieder ein. Nun gings in geschlossenen Marsch zu einem Nachbarhause, um die "Kranz-" und Glasjunpfer" abzuholen. Der Zimmergeselle ging voraus und "maß" den Weg mit einer Latte, dabei durch Bewegung und Mienenspiel seine Begleiter möglichst zur Heiterkeit reizend. Ihm folgten die Musik, sodann die Handwerker, die ihr Handwerkszeug trugen, und endlich die Helfer. Auf dem Rückwege zum Richtplatz führte der erste Geselle die Kranzjungfer am Arm, der zweite Geselle ebenso die Glasjunpfer. Die Kranzjungfer trug den mit bunten Papier verzierten Kranz, die Glasjungfer in einem Körbchen ein gefülltes Schnapsglas. Dabei sang man:

"Wir winden dir den Jungfernkranz."

Am neuen Hause angekommen, bestieg der Meister oder der erste Geselle das Fachwerkgerüst und ließ eine Schnur herunter, an der der zweite Geselle den Kranz befestigte. Unter dem Gesange "Wir winden dir den Jungfernkranz" stieg der Kranz langsam nach oben. Dort hielt dann der Meister, den Kranz in der Hand, seine erste "Predigt". Danach befestigte er den Kranz in der höchsten Spitze des Hauses. Während oben der Meister fortfuhr, seine Vers vorzutragen, ging der zweite Geselle mit dem gefüllten Schnapsglas zum Hausherrn, sodann zu den übrigen Teilnehmern. Jeder trank ein Schlückchen und warf zugleich ein Trinkgeld in das Glas. Mit dem letzten Tropfen und dem vom Geld halbangefüllten Glas kam er dann zuletzt zu dem ersten Gesellen, der das Glas bis zur Neige leerte und den Geldinhalt mit dem zweiten Gesellen teilte. Währenddessen hielt der Meister seine "Predigt". Das waren Verse, die in lustiger Form den Hausbau, den Bauherrn, die Nachbarn und Dorfereignisse behandelten. Nach jedem Vers hieß es: "Spielt auf, ihr Musikanten!" War der Bau für eine neugegründete Familie bestimmt, so gab der Zimmermeister dem Hause einen neuen "Hausnamen", der dann von sämtlichen Bewohnern des Dorfes zur Benennung gebraucht wurde. In diesem Falle hieß der letzte Vers: "Alleluja, meine Predigt ist aus, wir haben gebaut ......(hier folgt der neue Hausname) Haus."

Nun gings zum Festessen, das auf einer benachbarten Deele stattfand, die festlich geschmückt war. Der Tisch war reichlich gedeckt, da alle Eingeladenen nach alten Brauch am Abend vorher dem Herrn des neuen Hauses ihr Gaben (Würste und Schinken) zugestellt hatten. Ein Tanz auf der Deele oder in einer benachbarten Wirtschaft beschloß den Tag, der für das gesamte Dorf Freude und Frohsinn gebracht hatte.

Hochzeit in Alfen

Auch um die Hochzeit rankte sich ein bunter Kreis von alten Bräuchen, übernommen von den Ahnen und zum Teil lebendig geblieben bis zum heutigen Tage.

Die meisten Paare, die sich die Hand zum Leben reichten, hatten sich wohl selbst gefunden, sei es beim Tanz auf der Deele, auf Schützenfesten im Dorf oder in der Nachbarschaft. War das nicht der Fall, so trat auch wohl der "Wiäwersmann" in Tätigkeit. Er besuchte die Eltern der künftigen Braut und kam nach einigen vorbereitenden Gesprächen über Wetter, Vieh und Korn auf den eigentlichen Zweck seine Besuches. Hatte er Erfolg, so erhielt er von dem Brautpaar einen neuen Anzug mit Hut. Das Paar wurde an drei Sonntagen in den Kirche aufgeboten. Die Brautleute durften an dem Gottesdienste, in dem das Aufgebot erfolgte, nicht teilnehmen.

Inzwischen hatten alle zu tun mit den Vorbereitungen zum Fest. Der Dorfschreiner fertigte die Möbel an, in der Regel aus den vorhandenen Holzbeständen des Hauses. Das Brautbett war zweischläfrig. Die Bettfedern lieferte die eigene Gänsezucht. Zwei Tage vor dem Fest fuhr der Brautwagen. Er brachte die Mitgift der Braut zum Hochzeithause. Er wurde gefahren von einem Freund oder Nachbarn. Der Fahrer des Brautwagens hatte die Peitsche mit bunten Bändern geschmückt, den gleichen Schmuck trugen Spinnrad und Besen, die hochoben auf den übrigen Möbeln thronten. Gehörten zur Hochzeitsgabe der Braut Kuh oder Pferd, so folgten diese dem Brautwagen, ebenfalls geschmückt mit einem Kranz oder einem Hagebuttenhalfter. Hinter dem Brautwagen fuhr das Brautpaar in einem Kutschenwagen. Kinder und Bekannte versperrten dem Brautpaare durch Seile oder Latten den Weg ("schatten") und gaben ihn erst frei, wenn das gewünschte Trinkgeld über die Straße rollte.

Ein Abend froher Geselligkeit wurde der Polterabend. Fleißige Hände der Nachbarn erledigten die letzten Vorbereitungen zum Fest. Hochzeitgeschenke der Eingeladenen, vornehmlich Erzeugnisse der eigenen Wirtschaft, wurden gebracht. Bekannte und Freunde des Paares erschienen zum Poltern. Das Klirren der Töpfe, Gläser und Scherben, die gegen die Haustür geworfen wurden, hörte erst auf, wenn der Bräutigam erschien und sich durch einen Trunk aus der Flasche oder ein Faß Bier in der nächsten Wirtschaft loskaufte.

Am Tage vor dem Fest lud der Hochzeitsbitter die einzelnen Gäste ein. Dabei trug er auf der rechten Seite des Rocks ein buntes Seidentuch, lang herabhängend, von der Braut gestiftet. Später konnte er das Tuch als Halstuch verwenden. Bei der Einladung erhielt er in jedem Hause eine Trunk. Der Schneider, der für dem Bräutigam den Hochzeitsrock anfertigte, hatte regelmäßig auch das Amt des Hochzeitsbitters.

Ein interessanter, wohl nicht sehr verbreiteter Brauch, der noch bis heute stark gepflegt wird, bestand darin, in der Nacht vor der Hochzeit "Straukärls" zu setzen. In der Regel führte ja nicht die erste Liebe zum Traualtar, sondern meistens gingen dem endgültigen finden etliche andere, meistens nur flüchtige und lockere Bekanntschaften voraus. Die ehemaligen Freunde und Freundinnen erhielten nun als Trost für ihre getäuschten Hoffnungen in der Nacht vor der Hochzeit eine Strohpuppe auf den ihrer Wohnung nächststehenden Baum gesetzt. Hatte jemand in jungen Jahren viel geliebt, so konnte es passieren, daß an einem Hochzeitstage ein halbes Dutzend oder mehr Stohmänner auf den höchsten Bäumen des Dorfes prangten. Dazu streute man vor der Wohnung des Bräutigams zu den Häusern seiner früheren Bekanntschaften eine breite Lage "Kaff", daß ist der Abfall, der sich beim Dreschen des Kornes ergab. Das Anbringen der Strohpuppen war nicht ungefährlich, da stets die höchsten Bäume ausgesucht wurden und die Arbeit während der Dunkelheit ausgeführt werden mußte. Aber an Helfern fehlte es nie, und die männliche Dorfjugend opferte, wenn es sein mußte, die ganze Nacht dafür.

Die Hochzeiten fanden nur am Dienstag, Donnerstag und Samstag statt, da die übrigen Tage nicht als glücksbringend angesehen wurden. Die einfachen Leute erhielten die Trauringe in der Kirche leihweise. Die Braut trug früher zur Trauung ein schwarzes Umschlagtuch und eine Mütze, der Bräutigam stets einen Gehrock. Bei der Rückkehr des Brautpaares von der Kirche war die Eingangstür des Hauses verschlossen. Der Bräutigam klopfte, es erschien ein junges Mädchen mit einem Tablett und zwei gefüllten Weingläsers, die nach einem Glückwunsch von dem Brautpaar geleert wurden. Die leeren Gläser warf man die Hauswand, sie mußten dabei zerbrechen, wenn die Ehe glücklich sein sollte.

Das Mittagessen fand auf der Deele statt. Am Kopfende saß das Brautpaar, daneben Eltern, Schwiegerelten, Geschwister. Der Brautbitter verrichtete das Tischgebet. Während des Mittagessen sagte er irgendeinen Festspruch auf und sorgte dafür, daß der Humor nicht zu kurz kam. Nach dem Essen ging die Köchin mit dem Schöpflöffel an den Gästen vorbei und sammelte ihr wohlverdientes Trinkgeld, "weil sie sich die Schürze verbrannt habe". Nach Beendigung des Festmahls suchte man die Deele des Nachbarn auf, wo die Dorfmusik, meistens eine Ziehharmonika, zum Tanz aufspielte. Alte Volkstänze wechselten miteinander ab und brachten Stimmung und Freude. Das Brautpaar bekam den ersten Tanz, danach die Elten und Schwiegerelten.

Das Abendessen vereinte alle wieder im Hochzeitshause. Danach erreichte die Festfreude bei Spiel und Tanz ihrem Höhepunkt. Während die Alten in einem ruhigen Winkel saßen und "Solo" spielten und alte Dorfgeschichten auffrischten. Der Übermütigste des Tages erhielt den Namen "Hochteytsisel". Ein glückliches Vorzeichen für das Brautpaar war es, wenn im Laufe des Abend der Schleier einen Riß erhielt.

Um Mitternacht wurden der Braut Kranz und Schleier abgenommen und meistens ihrer Schwester aufgesetzt. Die Braut erhielt dann eine Nachtmütze, der Bräutigam zog Holzschuhe an und empfing einen Schlag mit dem Pantoffel, während die Gäste in ausgelassener Festfreude das Paar umtanzten mit dem Liede "Wir winden dir den Jungfernkranz".

Und dann spielte die Musik den "Kehraus", die Gäste traten den Heimweg an, und noch wochenlang bildeten Einzelheiten des schönen Tages den Mittelpunkt des Dorfgespräches.

Der Flachs und seine Bearbeitung

Der Anbau und die Verarbeitung des Flachs spielte im Leben des Dorfes, ehe die Baumwolle zur Herrschaft gelangte, eine große Rolle. Alfen hat wohl zu den Dörfern gehört, die sich als die letzten von ihren Flachsfeldern trennten. Bis ungefähr 1910 klapperten im Frühjahr in vielen Häusern die Webstühle, und während des Krieges, als die Baumwolle nicht mehr zu haben war, wurden sie von neuem in Gebrauch genommen. Hemden aus selbsthergestellten Leinen wurden bis nach dem Kriege fast ausnahmelos von allen Dorfbewohnern getragen. Heute ruhen in manchen Koffer noch etliche Ballen des zwar nicht allerfeinsten, aber kräftigen und dauerhaften Linnens. Ich selbst habe in meiner Jugendzeit die Arbeit von Aussäen des Flachses bis zum fertigen Leinen noch erlebt und mich an den vielen Arbeiten häufig helfend beteiligen müssen.

Der Flachs wird am 100. Tages des Jahres (10.4.) ausgesät, die Ernte ist im Juli, kurz vor der Roggenernte. Die junge Saat wird wiederholt von Unkraut gesäubert ("gehen"). Der reife Flachs wird nicht geschnitten, sondern mit der Wurzelm ausgezogen; man legte ihn auf einen trockenen Platz, auf die "Spreie". Dort blieb er je nach der Witterung 2 – 4 Wochen liegen; der nächtliche Tau und die heiße Sonne machten die Bastteile spröde und trocken ("Tauröste"). Dann band man ihn in Bunde und verwahrte ihn auf dem Holzschuppen für die spätere Arbeit. Im Herbst erfolgte das "Briäke" des Flachses. Nachdem man ihn noch einmal in der Sonne, im warmen Backofen oder am Ziegelofen getrocknet hatte, bearbeitete man ihn mit der "Briäke". Dabei wurden die festen Pflanzenfasern gebrochen. Danach folgte das "Schawen". Die Schawe entsprach der Briäke, nur bestanden die beiden Teile, die ineinander schlugen, aus Eisen. Man nahme statt der "Schawe" auch die "Schwinge". Das war ein Brett, 1 ½ m hoch, oben mit einem halbkreisförmigen Ausschnitt. Die linke Hand hielt eine Handvoll Flachs an diesen Ausschnitt, die rechte schlug mit dem "Schwingmesser", einem schmalen Holzbrettchen, an dem Flachs herunter, so daß Holz und Rindenteilchen abgestreift, abgeschabt wurden. Um die noch anhängenden krautigen Reste und die kurzen Fasern zu beseitigen, zog man den Flachs durch die "Hechel". Eine Hechel ähnelte einer Bürste, ein Brett, mit spitzen Eisennägeln besetzt. Die Fasern wurden gezogen und zerteilt, die gröberen und kürzeren blieben in der Hechel hängen. Die glatten, guten Fasern ("Flässen") dienten beim Weben zur Herstellung der Kette, die kürzeren, herausgerissenen Fasern ("Han" oder "hede" oder "Werk") zum Einschlagen. Die "Flässen" wurden kunstvoll zusammengedreht, bis zum Winter aufbewahrt. Wenn im Herbst das Getreide gedroschen war, gings ans Spinnen. Man gebrauchte Spinnräder mit einer Spule. Der Stab, auf den der ungesponnene Flachs gewickelt war, hieß "Wockenstock", das Stück Flachs "Wocken". Nach dem Spinnen drehte man den Faden auf den Haspel. Der Haspel hatte 4 oder 6 Arme, die an den Enden Querstäbe trugen, über die der Faden von der Spule gedreht wurde. Nach 60-maliger Drehung trug der Haspel 60 Fäden, die "Bind" hießen und durch einen besonderen Faden zusammengehalten wurden. Turg der Haspel 20 Binde (bei "Flässengarn") oder 15 Binde (bei "Hangarn"), so war ein Stück Garn fertiggestellt. Man mußte beim Spinnen den Faden so dünn drehen, daß ein Pfund Flachs ein Stück Garn ergab. Ein guter Spinner spann pro Tag ein Stück Garn. Spinnrad und Haspel wurden von einem Meister aus Atteln hergestellt und vor der Hochzeit dort in Arbeit gegeben.

Das "Scheren" hatte den Zweck, die Kette für den Webstuhl herzustellen. Man benutzte dazu zwei Geräte, die "Scherbank" und den "Scherhamel". Die Scherbank trug 20 große Spulen mit Garn, deren Fäden man zusammenfaßte und auf den Scherhamel drehte. Beim Abnehmen der Kette vom Scherhamel legte man das Garn kettenförmig ineinander.

Das "Obkreien" ("Aufbäumen").

Fast jedes Haus besaß einen eigenen Webstuhl, "Stell" oder "Füöreknstell" genannt. Die Kette wurde um den "Goernbaum" gewickelt; die Breite der Kette wurde dabei reguliert durch den "Goernkamm". Zwei Männer drehten den Goernbaum, einer hielt die Kette, einer den Kamm. Die sogt. "Hiewelten", die aus zwei Teilen bestanden und mit den Füßen bedient wurden, teilten die Kette in eine obere und untere. Zwischen diesen beiden Ketten flog beim Weben die Spule, mit der Hand geworfen, hin und her und brachte die "Einschlag" in die Kette. Die Arbeit am Webstuhl ging taktmäßig: Tritt links, Schiffchen von links, Schlag mit der Weblade, Tritt rechts, Schiffchen von rechts, Schlag mit der Weblade. Das fertiggestellte Leinen wurde beim Weben auf den "Lakenbaum" gedreht. Man maß das Leinen mit "Rap". Ein Rap Leinen hatte eine Länge von 20 Ellen und eine Breite von 1 Elle. (Beim Messen von Leinen gebrauchte man stets die "kleine" Elle = 58cm) In einem Rap saßen 4 Männerhemden. Ein Rap Leinen kostete 6M. Ein guter Weber konnte in einem Tag 1 Rap fertigstellen.

Das "Böiken" und "Bleichen".

"Böiken" und "Bläiken" gaben den Leinen die schöne weiße Farbe. Zum "Böiken" benutzte man ein großes Holzfaß, das "Böikköiwen", das unten eine mit einem Holzpflock versehene Öffnung hatte. Zuerst kam eine Lage Leinen hinein, darüber ein Leinensack, der mit Holzasche gefüllt war. Man schüttete kochendes Wasser darauf, so bildete sich eine kräftige, dunkle Lauge. Nach dem Erkalten ließ man die Lauge unter ab, erhitzte sie und goß sie von neuem darüber. So immer wieder. In der Regel wurde das "Böiken" am Samstag vorgenommen, am Sonntag blieb die Laufe auf dem Leinen stehen. Am Montag kam das Leinen dann auf die Bleiche, ein Rap neben das andere. In Alfen hatte man an der Alme, östlich der Brücke, den "Bläikeplass". Er gehörte der Gemeinde und war im Frühjahr wochenlang mit Leinen belegt. Bei Sonnenschein durfte das Leinen nicht trocken werden, da sonst die Lauge in dem Leinen festbrannte. Früher befand sich auf dem Platz eine Strohhütte, in der die Wächter des Nachts schliefen.

Die Verarbeitung der Schafwolle

1 Pfund Schafwolle kostete damals 12 – 13 Groschen; "Spinnwolle" war ausgesuchte Ware und kostete 2M. Von 1 Pfd. bekam man 1 Paar lange und 1 Paar angestrickte Strümpfe. Das Spinnen machten in der Regel die "Wollspinners". Sie kamen im Herbst vom Eichsfeld, meist ein Mann mit mehreren Frauen. Der Mann kämmte die Wolle mit zwei Kämmen, die Frauen spannen sie, häufig an Spinnrädern mit 2 Spulen. Beim Spinnen der Wolle gebrauchte man keinen Wockenstock, sondern spann aus der Hand. Die Wollstrümpfe wurden ungefärbt getragen. Später färbte man die fertigen Strümpfe mit Walnußschalen gelbbraun. Mischte man blaue und weiße Wolle, so gab das graue Strümpfe.

St. Vitus

Die Einstufung der kirchlichen Feste war von uns Jungen ohne Rücksicht auf den amtlichen Kirchenkalender selbstständig geändert worden. Zwar behielt Weihnachten unangefochten den ersten Platz im Festkreis des Jahres, um den 2. und 3. Platz stritten sich Ostern mit seinem Osterfeuer und Libori, aber an 4. Stelle stand St. Vitus. Der Vitustag galt bei uns mehr als Pfingsten und Krautweihe. Das verdankte dieser Heilige unseren Ahnen, die ihn von 300 Jahren in einer großen Not anriefen und versprachen, ihm für seine Hilfe jährlich Dank zu sagen durch Beten, Fasten und Almosengeben. Und dies Versprechen war gehalten worden bis auf unsere Zeit.

Die kirchliche Feier des Vitustages (15.6.) fiel meist auf den vorhergehenden Sonntag. Schon 1 oder 2 Tage vor diesem Sonntag erschienen die Vorboten des Festes, eine ganze Reihe Fremder, Alte und Junge, Männlein und Weiblein, die sog. "Veitslöie". Sie zogen in den drei Dörfern der Pfarrei von Haus zu Haus und hielten um eine Gabe an, erhielten hier ein Ei, dort ein Stückchen Speck oder eine Kleinigkeit an Geld. Wir musterten den fremden Besuch recht kritisch, häufig entdeckten wir Bekannte aus dem Vorjahr. Fragten wir Kinder die Erwachsenen nach der Herkunft der fremden, recht notdürftig gekleideten Gäste, so hieß es nur: "Von do hinnen eot de Siene".

Und dann kam der Sonntag. Von den guten Werken, die an diesem Tage nach dem Versprechen unserer Vorfahren von uns gefordert wurden, mochte das Beten bei uns Jungen wohl etwas zu kurz kommen, aber dem Fasten und dem Almosengeben widmeten wir uns mit desto größerem Eifer. Es galt als feststehender Brauch, daß am Vitussonntag alles bis Mittag nüchtern bleiben mußte, die Menschen groß und klein, alt und jung, auch das Vieh, ob zweibeinig oder vierbeinig. Die Gänse schnatterten an diesem Morgen umsonst, die Stalltür blieb geschlossen, die Hühnerschar verbrachte den Vormittag auf ihrem Wiemen, der Kuhhirt war bis Mittag beurlaubt. Und jedes Jahr hörten wir mit leisem Gruseln die als sicher überlieferte Kunde von dem Schäfer von Hamborn, der vor vielen Jahrzehnten am Vormittag des Vitustages seine Herde ausgetrieben hatte und der als Strafe dafür am folgenden Tage 400 Tiere durch ein fürchterliches Unwetter verlor.

Um 8.00 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Kirchborchen, wo die große Vitusprozession ihren Ausgang nahm, in der Tasche vielleicht einen Zwieback, den uns die sorgende Hand der Mutter im letzten Augenblick zugesteckt hatte, von uns natürlich großmütig übersehen. Dann kam das Hauptstück des Tages, die Prozession. Sie zog von der Pfarrkirche aus zur Gallikapelle. An beiden Seiten des Weges saßen die "Veitslöie", ein Taschentuch vor sich liegend, betend und um ein Almosen heischend. Mit den Kupferpfennigen in der Tasche klimpernd suchten wir aus den am Wege Knieenden die heraus, die unserer Gabe am würdigsten schienen. Und wir waren strenge Richter. Ein glattes Gesicht, ein jugendliches Aussehen, ein kräftiger Körperbau genügte, um den Betreffenden von unserer Mildtätigkeit auszuschließen. Aber bei einem alten verhutzelten Mütterchen, einem zitternden Greise oder einem schmalgesichtigen, blassen Kinde öffneten sich unsere Taschen und Kupferstücke häuften sich vor den Bittenden. Wäre nicht die ausgleichende Gerechtigkeit der uns folgenden Erwachsenen gewesen, mancher "Veitsmann" wäre mit leeren Taschen heimgekehrt. An der Galluskapelle wurde ein feierliches Hochamt gelesen. Rund um die Kapelle lagerten wir auf den Böschungen, im Schatten der 1000-jährigen Linde. Der Jubel der Lerchen wurde übertönt von unserem begeisterten Gesang. Und wenn der greise Pfarrer Mertens auf der uralten Steinkanzel stand und uns erzählte von dem Notjahr 1636, wo die Pest innerhalb von 10 Monaten 460 unserer Ahnen ins Grab riß, bis St. Vitus dem furchtbaren Sterben Einhalt gebot, dann segneten wir unsere Vorfahren für ihr damals dem Heiligen gegebenes Versprechen, dessen Erfüllung uns jedes Jahr einen solch erlebnisreichen Tag beschwerte. Nach der Fortsetzung der Prozession bis zur Pfarrkirche ging's heim. die Sonne hatte ihren höchsten Stand schon überschritten, und allmählich meldete sich der Hunger. Dann holte der eine oder andere verstohlen seine Zwieback auf der Tasche und dankte im Stillen der vorausschauenden Vorsorge der Mutter. Und wenn wir an diesem Abend mit der Herde vom Feld heimkehrten, dann klang unser Singen durchs Almetal:

"Veit, Veit, Veit, dat is ne smachterge Teid".

Tod und Begräbnis

Der ländliche Mensch dachte n den Tod, ehe er sich einstellte. Auf dem Stallboden lagen die Holzbretter, die der Schreiner des Dorfes bei einem Todesfall in der Familie zum Sarge verarbeite. Im Koffer ruhte das Leinen, das vorbetimmt war, den Toten des Hauses als letzte Hülle zu dienen, manches Mütterchen nähte sein Totenhemd schon bei Lebzeiten. Beim Nähen des Leichenhemdes durfte der Faden am Ende nicht verknotet warden, damit beim Auferstehn der Tote durch den verknoteten Faden nicht behindert wurde. Starb der Besitzer des Hauses, so mußte sämtliches Vieh geweckt und ihm der Tod des Herrn mitgeteilt werden. Bei Cordneesen (Ahrens) wurde beim Tode des Großvaters vergessen, die Bienen zu wecken, im folgenden Frühjahr waren alle Bienenvölker eingegangen.

Die Nachbarn benachrichtigten die Freunde und Bekannten von dem Tode. Die Nachbarn übernahmen auch das Totengeläute, das "Verlöien". Das geschah mittags von 11 – 12 Uhr am Todestage oder am Tage nachher. Bei Kindern läutete man eine Pause, bei Erwachsenen drei Pausen, d.h. bei Erwachsenen unterbrach man nach einiger Zeit das Läuten 2 Mal. Vor dem Läuten wurde mit einer Glocke angeschlagen, und zwar bei Kindern mit der mittleren 3 Mal, bei Erwachsenen mit der schweren Glocke 9 Mal.

Der Tote wurde von der sogenannten "Dauenklaersche" angezogen. Die betreffende Frau, die dieses Amt für das ganze Dorf versah, erhielt dann in der Regel die Kleidungsstücke, die der Sterbende trug, dazu Bettlaken und Bettzeug, in dem der Sterbende lag. Die Leiche wurde abgewaschen, ein symbolischer Hinweis, daß nur die Reinen das Himmelreich erwerben. Der Schreiner brachte den Sarg und bahrte die Leiche auf. Die verstorbenen Männer trugen eine Zipfelmütze aus Leinen, die Frauen ein Haube, junge Mädchen einen Blumenkranz. Als Beigabe erhielten die Toten Teile des Weihbundes mit in den Sarg. Der Sarg stand bis zum Begräbnis im Sterbezimmer. Bei verstobenen Jugendlichen besuchten sämtliche Kinder des Dorfes ihren Kameraden und legten Heiligenbildchen auf die Leiche. Bei der Beerdigung von Ledigen trug man dem Sarge das sogt. "Brautlicht" voraus, eine Kerze, mit Myrtenranke und Schleier geschmückt. Das Brautlicht wurde getragen bei verstorbenen Jungfrauen von einem Knabe, bei Jünglingen von einem Mädchen. Diese Kerze fand nach der Beerdigung ihren Platz in der Kirche vor der schmerzhaften Mutter, wo sie während der Seelenmesse und auch während des 30-tägigen Seelenamtes brannte. Das Brautlicht erhielt jeder Unverheiratete, wenn er nach der Erstkommunion, also nach vierzehn Jahren, starb.

Bei Kindern und Unverheirateten trug man ebenfalls dem Sarge voraus die sogt. "Krone". Es waren drei 1 ½ m lange Stäbe, davon der eine mit einem kronenartigen Kopfgestell, alle drei mit weißen Papier umwickelt. Die krone schmückte das betreffende Grab, bis sie bei einem ähnlichen Todesfall in der Gemeinde von neuem gebraucht wurde.

Die Träger erhielten bei der Beerdigung eines Unverheirateten ein weißes Taschentuch. Es war am Sarge befestigt und wurde am Friedhof abgenommen und den Träger überreicht. Der Sarg von Kindern und Ledigen war weiß gestrichen. Wer einer Beerdigung begegnete, erwies dem Verstorbenen die letzte Ehre. Fuhrwerke hielten still, die Männer entblößten das Haupt. Die Schulkinder nahmen regelmäßig an dem Begräbnis teil. Auf dem Wege zum Friedhof wurden deutsche Gesänge gesungen. Nach den kirchlichen Gebeten warf man drei Schaufeln Erde ins Grab. Nach der Beerdigung ging das gesamte Trauergeleite zur Kirche zurück, dort wurde ein Opfergang um den Altar gehalten. Die Beerdigung fand früher regelmäßig vor der Messe statt. Für die Verstorbenen wurde gelesen, das Seelenamt am Begräbnistage, das Sechswochenamt, die 30-tägige Messe und die Jahresmesse. Die Verteilung der Totenzettel fand bei dem Begräbnisseelenamt statt.

Nach der Beerdigung war ein Totenschmaus üblich, an dem aber nur die dazu Eingeladenen teilnahmen. Die "kleine Leute" luden das ganze Dorf zur Beerdigung ein, ohne nachfolgenden Kaffee, die Bauern luden nur Bekannte und Freunde ein, wobei die Totenfrau, die das Ankleiden der Leiche besorgt und auch die Einladung zur Beerdigung überbrachte, hinzufügte: "und zur Tasse Kaffe". Dabei erhielt sie in der Regel von den Eingeladenen Speck und Wurst.

Beim Totenmahl gab`s Kaffee und Kuchen, anschließend die Gläschen Schnaps und Zigarren. Danach entfernten sich die weiteren Verwandten, die näheren blieben zum Mittagstisch.

Die Dienstboten erhielten von der Herrschaft, soweit es sich um die Mägde handelte, ein schwarzes Kleid oder ein schwarzes Umschlagtuch, oft nur leihweise, die Knechte erhielten ebenfalls von dem Hausherrn eine schwarzen Hut und Schlips.

Auf den Gräbern fand man als Schmuck am häufigsten das Immergrün als Einfassung, Trauereschen und Lebensbäume.

Die Bauern dreschen

Vor wenigen Jahrzehnten noch hatte das Dorf während des ganzen Winter hindurch seine eigene Melodie: der Takte der Dreschflegel schallte aus jedem Bauernhause heraus. Das Dreschen begann im Frühherbst; das Korn von der vorigen Ernte war meist restlos verbraucht, und so mußte man um Backkorn zur Mühle schicken zu können, bald die neue Ernte angreifen. Ebenso nahm man auch das Saatkorn aus den im August eingeernteten Beständen. Alle im Haus zur Verfügung stehenden Kräfte wurden zum Dreschen herangezogen; je mehr Helfer, desto besser und flotter der Takte beim Schlagen. Auch Jugendliche mußten helfen, sie arbeiteten mit einem etwas leichteren Flegel. "Wenn sie nicht viel herausschlagen, so trampeln sie wenigstens etwas heraus."

Bis zum ersten Kaffee um 6.00 Uhr morgens mußten nüchtern wenigstens 6 Lagen gedroschen werden. Eine Lage bestand aus 2 Reihen Korn, die auf der Deele ausgebreitet wurden und mit den Ähren zusammenstießen. Beim Dreschen verarbeitete man zunächst die eine Reihe. Beim ersten Gang wurden die Ähren geschlagen; beim 2 Gang die Mitte des Halmes, beim 3. Gang das Stammende. Dann hob jemand mit der Harke die Ähren der Reihe 2, die bisher unter der Reihe 1 gelegen hatten, so empor, daß die Ähren von 2 nach oben zu liegen kamen. Dann wurde Reihe 2 in drei Gängen bearbeitet wie Reihe 1. Danach drehte man das Korn um und wiederholte die gesamte Arbeit. Am Schluß überging man noch einmal das Korn, dabei schlug man aber so, daß stets nur zwei Schläge zu hören waren; bei 4 Dreschern schlugen also jedesmal 2 gleichzeitig, bei 6 schlugen 3 gleichzeitig. Dieses sog. "Schlag halten" war jedesmal ein Zeichen, daß eine Lage Korn gedroschen war.

Das ausgedroschene Korn wurde zweimal über die Wannemühle gedreht und so von allen Unreinigkeiten befreit.

Das Trocknen der Pflaumen

Pflaumebäume gabs in Alfen in großen Mengen, in den Gärten und auch an den meisten Feldwegen angepflanzt. Die Einerntung und Verarbeitung der "Zwetschen" wie sie hier allgemein genannt wurden, bildete vor Jahrzehnten nach der Kornernte die Hauptarbeit im Herbst. Während man sie heute durchweg roh an die Aufkäufer der Marmeladenfabriken verkauft, mußten sie von 50 Jahren sämtlich getrocknet werden. Viele Familien besaßen ein eigenes "Brothöiseken", das die Trockenanlage enthielt. Zum Ofen gehörten 12 Hürden aus Holz, wovon jedesmal 6 Stück übereinander angebracht waren. Die Feuerung, die mit Holz gestochert wurde, befand sich in der Mitte. Auf jede Hürde konnte man 35 Pfd. "grüne" (ungetrocknete) Zwetschen bringen, somit auf die 12 Hürden ungefähr 4 Zentner. Das ergab jedesmal einen Zentner getrockneter Pflaumen. Im Laufe des Tages steckte man die Hürden wiederholt um, so daß die oberen nach untern und die unteren nach oben kamen.

Das richtige Heizen erforderte Erfahrung. Heizte man zu stark, so wurden die Zwetschen steinhart (Pöisters oder "Hütte") und waren unbrauchbar. Heizte man zu wenig, so dauerte das Trocknen zu lange, denn in 24 Std. mußten sämtliche Hürden getrocknet sein. In den Nächten schlief jemand im Brathäuschen, um die Feuerung zu regulieren und die trockenen Früchte abzusammeln. In einem alten Notizbüchlein meines Großvaters (Fischer) fand ich folgende Eintragung: Wir haben an trockenen Zwetschen gehabt:

1860 = 22 Ztr. 1866 = 12 Ztr.

1868 = 27 Ztr. 1870 = 31 Ztr.

31 Ztr. getrockneter Pflaumen erforderten eine Arbeit von fast 5 Wochen, und zwar täglich, sonntags wie alltags, Tag und Nacht.

Die getrockneten Pflaumen scheint man damals auch als Zahlungsmittel gebraucht zu haben, denn in dem genannten Büchlein findet man auch Notizen, daß gelieferte Eisenwaren mit getrockneten Pflaumen bezahlt worden sind. Es ist auch nicht verwunderlich, daß "dröie Swatzken" auf dem Alfener Küchenzettel sehr häufig wiederkehren. Man gebrauchte die Pflaumen in jeder Form und Zusammenstellung, für sich als Gemüse, mit Wurzeln gemischt, in allen möglichen Suppen, z.B. Linsen-, Bohnen- und Graupensuppen. Dann sei noch das leckere Pflaumenkraut erwähnt, das den originellen, nur in der Paderborner Gegend üblichen Namen "Swatzkenpakkelak" trägt. Triffst du irgendwo in der Welt einen Menschen, der behauptet, er stamme aus der Paderborner Ecke, so lasse ihn das Wort "Swatzkenpakkelak" aussprechen. Bringt er es ohne Stottern und mit der heimatlichen Lautfärbung fertig, so darfst du es ihn auch ohne Geburtsurkunde glauben.

Kleidermode vor 70 Jahren

Damals stand der blaue Kittel in hohen Ehren. Jeder männliche Dorfbewohner trug ihn, schon bei den Schulkindern war er das übliche Kleidungsstück. Für die Arbeit gab`s den Kittel aus groben, dunkelblauen Leinen, das im Hause selbst gewebt war, dazu um den Hals ein "Kattunknüppdck". Für besondere Gelegenheiten, Holzverkauf, Marktbesuch, für den Sonntagnachmittag hing der hellblaue Festtagskittel aus feinen, gekauften Leinen im Schrank. Der wohlhabende Bauer verzierte ihn an den Schulterstücken und am Brustschlitz mit Litzen, schnüren und Perlmutterknöpfen. Neben dem Kittel gab es ein festtägliches Gewand, den Gehrock, auch "Snapper" genannt. Man trug ihn an hohen Festen, bei Hochzeiten, Beerdigungen und beim Besuch des Hochamtes in Kirchborchen. Daher rührt auch wohl die allgemein übliche Bezeichnung "Haumesser".

Bei der Erstkommunion im Alter von 14 Jahren erhielt der Junge seinen ersten Gehrock, der getragen wurde bis zur Verheiratung. Zur Hochzeit wurde ein neuer bestellt, der dann aushielt bis ans Lebensende. Als eine Art Hausmütze trug man vielfach, besonders im Winter, eine wollene Zipfelmütze.

Bei den verheirateten Frauen legte man besonderen Wert auf zwei Kleidungsstücke, die Mütze und das Umschlagtuch. Die Mütze, die im Sommer aus leichterem Stoff gearbeitet war, besaß vier breite Seidenbänder, zwei davon dienten zum Festmachen unter dem Kinn, die beiden anderen hingen über den Rücken herab. Die Mützen wurden in Paderborn auf Bestellung angefertigt. Zur Hochzeit erhielt die junge Frau das sogt. "Wiener Tuch'". Sie war ein kostbares Stück, aus feinster Wolle gewebt und zeigte die Hauptfarben schwarz und rotbraun. Man trug sie, um die Schultern gelegt, in Dreiecksform, fast bis zur Erde reichend. Das Wiener Tuch wurde "kürzer auf langen Zipfel" getragen, d.h. der untere Zipfel reichte eine Handbreit tiefer als der äußere. An gewöhnlichen Sonntagen trug man ein einfacheres, billiges Tuch in den Farben braun, grau oder schwarz, die beiden Endzipfel in gleicher Höhe.

Das 20. Jahrhundert hat mit diesen Resten alter bäuerlicher Tracht endgültig aufgeräumt. Schade drum!

Wie man Fastnacht feierte

Fastnachtszeit, närrische Zeit! Auch die Dörfer des Paderborner Landes feiern Fastnacht, wenn auch nicht so laut und prunkhaft wie die großen Städte des Westens, so doch oft auf recht originelle Art. Dabei ist das Brauchtum, das sich in den einzelnen Orten an diese Tage knüpft, nicht in allen Dörfern übereinstimmend, sondern häufig, wenigstens in Einzelheiten, ortsmässig gebunden. Auch Alfen hatte seine Fastnachtsbräuche, die zum Teil heute noch lebendig sind.

Der Donnerstag vor Fastnacht war der Festtag der Kinder, "Lötken Fastlowend" - Klein-Fastnacht! Wir zogen dann in kleineren oder größeren Gruppen von Haus zu Haus, jeder bewaffnet mit einem kleinen selbstgenähten Beutel, der die Pfennige, die uns beschert wurden, aufnehmen sollte. Manche trugen ihren Beutel an einem "Spitt" - Spieß, das war ein meterlanger Stab, der sich an der Spitze in zwei kurze Äste gabelte. Auf jeder Deele sangen wir unseren Fastnachtsvers, daß das Dorf davon widerhallte. An Fastnachtsliedern waren uns mehrere Formen geläufig:

1. Lötken, lötken Fastlowend,
Hergit git mey watt in meynen Spitt,
Tint Johr ümme düse Teyt,
Sind die Sweyen wer fatt,
Eynen, eynen Ackerbaum,
Lot us net te lange stohn,
Mött naun Höiseken vödder gohn.

2. Lötken, lötken Dunnerdag,
Snyt meyn dicken Trüngel aff,
Lot dat Messer gleyen,
Bes medden in de Seyen,
Lat das Messer sinken,
Bes medden in den Schinken,
Lot mey net te lange stohn,
Mot naun Höiseken vödder gohn.

3. Trejick, trejack,
Ihr habt geschlacht,
Ihr habt so schöne Wurts gemacht,
Gebt mir eine,
Aber nicht ne kleine,
Gebt mir eine lange,
Laßt die kurzen hangen.

Der Dorfschmied machte am Fastnachtsmontag seine Weg von Haus zu Haus. Er trug den Hufbeschlaghammer auf der Schulter und sagte seinen Spruch auf:

Ich trete über die Schwelle,
Ich grüße von Meister und Geselle,
Ich denke, der Herr wird mir einen Taler geben,
Schenkt er mir zwei,
So schmied ich aufs Jahr wieder neu.

Er erhielt dann eine Wurst, die an den Hammer gehängt wurde, oder auch 50 Pfg. oder 1 Mark. Ein Achtzigjähriger erklärte die Entstehung dieser Sitte wie folgt: In alter Zeit war es Sitte, die Pferde auf dem Bauernhofe zu beschlagen. Dabei gab es regelmäßig 1 oder 2 Gläschen Schnaps. Als es dann üblich wurde, die Pferde an der Schmiede beschlagen zu lassen, erhielt der Schmied für den ausgefallenen Trunk das Recht, am Fastnachtsmontag die einzelnen Bauern aufzusuchen.

Auch junge Burschen zogen durchs Dorf und sammelten Würste, diese wurden in der Wirtschaft verzehrt, ein etwa verbleibender Rest den beim Militär dienenden Kameraden und Freunden geschickt. Am Sonntag nach Fastnacht war "Allemans-Fastlowend". Man feierte noch einmal und begrub den "Fastlowend". Eine Strohpuppe wurde unter litanieartigen Gesängen in einen Brunnen oder in das Wasser der Alme versenkt.

Am Aschermittwoch brüllte die Kuh: "Fastnach is eote!", der Hahn krähte: "Wenn't man immer so bliewe!". Man hatte nämlich in den Fastnachtstagen vergessen, die Kuh zu füttern, und der Hahn war durch die im Fastnachtstrubel offengebliebene Tür auf den Kornwiemen geraten , wo es ihm recht gut gefiel.

Überlieferte Verse zur Fastnacht und zum Kalbschlachten in Alfen

Zur Fastnacht:

Lötken Fastlobend;
Gälers Hehergitt,
Warks Schweyneschitt,
Schmes Pinke - Panke,
Häckers Sogedränke,
Mälsken Ossenwahn, do me kam'me
Kellerwetz Kaleyneken galopp mäe out'en House jahen.

Zum Kalbschlachten

Klinkenhürwers schlacht 'nen Kalf,
Göhers kreyt et half,
Westermeggers kreyt den Kopp,
De Schmitt dey schlätt derop,
Knaups kreyt de Panzen,
Obels Minna kann gut danzen,
Schlöyz kreyt den Schwanz,
Teymanns Betta weckelt en Kranz,
Volmers kreyt en Schinken,
De Backer verbacket Korinthen,
Kleynschmidts kreyt de Hoar,
De Schäpschneyder seggt, et wör net woahr.

Aufgeschrieben von Johannes Hillebrand, Am Kottenberg,
Alfen im November 1979

Aus der Hausapotheke unserer Großeltern

Der Respekt der ländlichen Bevölkerung vor der ärztlichen Wissenschaft war im vergangenen Jahrhundert nicht besonders groß, und auch heute taucht hier und da noch das Wort auf: Ein vernünftiger Schnupfen dauert mit dem Doktor 21 Tage und ohne ihm 3 Wochen. Die ablehnende Haltung des Bauern gegenüber der Kunst des Arztes hatte ihren Grund. Einmal war es für den Dorfbewohner infolge der wenig günstigen Verkehrsverhältnisse nicht leicht möglich, rechtzeitig den in der Regel in der nächsten Stadt wohnenden Arzt zu erreichen, sodann kannte der Mensch des flachen Landes aus Überlieferung und Beobachtung die Kräfte der Natur, die ihm bei Krankheiten und Gebrechen zu jeder Zeit zur Verfügung standen. So ist es nicht zu verwundern, wenn das Wohl der Familie es erforderte, daß man zunächst zu den seit Jahrhunderten erprobten Hausmitteln griff, ehe man sich auf den beschwerlichen Weg zum Arzt machte.

Schon die gelehrten Namen der Krankheiten fanden wenig Beifall. Unsere Großeltern hatten ihr eigenes medizinisches Wörterbuch. So hießen:

Pocken Swatte Bloern, Tyhus Nerven-/Schleimfieber Masern Frieseln, Diphterie Halsbräune Krämpfe Schoerkes, kl. Geschwüre mit Eiterkopf Pinnwern Anschwellungen d. Halsdrüsen Ziegenpeter Hühneraugen Leytdörn Furunkeln Karbunkeln

Im folgenden seien eine Reihe Hausmitteln aufgezählt, die sämtlich in hohem Ansehen standen und z. T. heute noch angewandt werden:

  • Auf Wunden legte man ein doppeltes Spinngewebe, das man meistens mit der Hand von der unteren Seite der Tischplatte holte. Die Blutung hörte auf, und die Heilung wurde beschleunigt.
  • Ziegenpeter oder sonstige Drüsenan- schwellungen heilte man, indem man die erkrankten Stellen mit erhitzter Erde oder Hanf bedeckte.
  • Nasenbluten soll aufhören, wenn man eine Zwirnsfaden recht fest um den kleinen Finger wickelt.
  • Gegen Gelbsucht galten Schafläuse als sicherstes Mittel. Man steckte sie in trockene Pflaumen oder backte sie in Apfelkuchen, damit der Kranke sie ohne Wissen genoß.
  • Augenentzündungen sollten geheilt werden durch Tragen von Ohrringen oder durch längeres Waschen mit Flußwasser.
  • Bei Zahnschmerzen benetzte man den betreffenden Zahn mit Schnaps oder steckte Zwiebeln oder Geranienblätter ins Ohr. Das Zahnziehen besorgte der Dorfschmied kostenlos.
  • Die Warzen beseitigte man durch den Saft des Schöllkrautes. Sie verschwanden auch, wenn man sie mit einer lebenden roten Schnecke kreuzförmig bestrich.
  • Frostbeulen behandelte man mit Schweinegalle.
  • Geschwüre heilten, wenn man sie mit der Haut eines rohen Eies bedeckte.
  • "Giftige" Geschwüre, die schlecht heilten, badete man in Kuhdünger.
  • Bei Blutstauungen setzte man Blutegel.
  • Bei Schwindsucht galt der Genuß von Hundefett als sicheres Heilmittel.
  • Erkrankte jemand an langwierigen Hautausschlägen, so ließ man die betreffende Person durch den Geistlichen aussegnen.
  • Kopfläuse führte man zurück auf den Genuß unreifer Stachelbeeren.

Bei allen Hauterkrankungen, besonders bei Schnitten und Abschürfungen, verwandte man gern die sogt. "Bartholomäiske Butter". Man bereitete sie am Bartholomäustage (24. August) ohne Salz zu und hob sie an einem kühlen Ort in einem Steintopf auf. Dieser Brauch hat wohl darin seinen Ursprung, daß nach der Legende der hl. Bartolomäus bei lebendigen Leibe geschunden, d.h. ihm die Haut abgezogen wurde.

In allen Dörfern gab es damals Personen, die als "Heilkundiger" in einem besonderen Rufe standen. In der Regel verfügten die Schäfer über ein bestimmtes Erfahrungswissen von Menschen und Vieh.

In Alfen hat sich bis heute die Erinnerung an eine solchen "Dorfdoktor" lebendig gehalten. Es war der alte Römmert (Lüke), ebenfalls ein Schäfer, ein Verwandter unserer Urgroßmutter. Häufig wandte er den Aderlaß an, bei Menschen am Arm, beim Vieh am Hals. Originell und witzig war die Heilung einer "Krankheit", die damals bei den Kühen häufig auftrat. Infolge des schlechten Winterfutters, das oft monatelang aus reinem Stroh bestand, magerten die Tiere derart ab, daß sie gegen Ende des Winters nicht mehr die Kraft besaßen, sich zu erheben. Dann erschien der Schäferdoktor und erklärte: "Die Kuh hat den Stärtwurm." Er öffnete eine Weichstelle an der Schwanzwurzel, strich Öl, Salz, Pfeffer und Ofenruß hinein und gab, nachdem alles gut verbunden war, den dringenden Rat: "Nun füttert das Tier gut und kräftig, sonst schlägt die Kur nicht an!" Das gute Futter brachte die Kuh wieder auf die Beine, und der ärztliche Ruhm das Schäfers erstrahlte in neuem Glanze.

Auch das Können einer alten Frau, der Vollmerschen, stand bei den Dorfbewohnern in hohem Ansehen. Sie konnte "Blut sprechen", d.h. durch Heilsagen bestimmter Formeln und Gebete eine Blutung zum Stillen bringen.

So finden wir in der Hausapotheke unserer Großeltern Gutes mit Schlechtem vermischt. Manche alte Hausmittel, z.B. Teeanwendungen und Aderlaß, die von der ärztlichen Wissenschaft jahrzehntelang verlacht wurden, sind heute wieder zu Ehren gekommen. Daneben aber nahmen unsere Ahnen oft Zuflucht zu Anwendungen, die auf naiven Aberglauben beruhten und bei denen ein Erfolg, wenn er sich wirklich einstellte, nur durch den felsenfesten Glauben des Behandelnden und des Behandelten, also durch Suggestion, erzielt wurde.

Schule und Ferien

Die Kinder wurden damals zu zwei Terminen in die Schule aufgenommen, und zwar zu Ostern und im Herbst. Die Schüler besaßen zum Lernen nur zwei Bücher, Bibel und Katechismus. Im Klassenzimmer hingen zwei Landkarten, Deutschland und Palästina. Jedes Kind besaß zum Schreiben eine Tafel, ein Schönschreibheft und ein Evangelienheft. In das letztere schrieben die Kinder die Sonntagsevangelien.

Der Unterricht war vormittags von 7.00 bis 11.00 und nachmittags von 2.00 bis 4.00 Uhr. Die beiden unteren Jahrgänge blieben täglich nur 2 Stunden in der Schule, gleichzeitig mit den Oberen zusammen. In der Regel wurden sie von einem Jungen des 8. Jahrgangs unterrichtet. Der 1. Jahrgang besaß Bänke ohne Sitzgelegenheit, beim Schreiben knieten sie davor, beim Lesen und Sprechen standen sie. Jedes Kind bezahlte im Jahr 3,50 M Schulgeld, davon bekam der Lehrer 3,00 M, 0,50 M waren für die Heizung bestimmt. Da die Schule von 80 Kindern besucht wurde, hatte der Lehrer ein Einkommen von 80 Tlr. im Jahr, dazu freie Wohnung und mehrere Morgen Land. Er hielt sich damals eine Kuh.

Die Kinder hüteten nach dem Unterricht und in den Vakanzzeit (Ferien) die Kühe. Da die Kinder besonders im Sommer zur Arbeit gebraucht wurden, war der sommerliche Schulbesuch oft recht unregelmäßig. Häufig wurden Schüler auf Verlangen der Eltern nach 7-jährigem Schulbesuch entlassen.

Das Osterfeuer

Das Osterfeuer war uns Kindern besonders wert, nicht wegen des Ostenhasens und seiner Eier, die waren uns unbekannt, sondern unser Osterfest wurde überstrahlt vom Scheine des Osterfeuers. Schon in der Fastenzeit begann dafür die Vorarbeit. Wir stöberten die Gärten, Wiesen und Büsche durch, und wo sich etwas Brennbares fand, da wurde es unser Eigentum. In mühseliger Arbeit schafften wir es zum Feuerplatz. Alfen hatte drei Osterfeuer, das eine auf dem "Stemberg", das zweite auf dem "Kuortenbiärge", das dritte auf dem "Kleibiärge". Daher nannten sich die Betreuer dieser drei Feuer die "Stammerknappers", die "Knuckenknappers" und die "Allenhüöwers".

Am Ostersonntag, nach Schluß der Andacht, gings ans Strohsammeln. Jedes Bauernhaus wurde besucht, und dann schallte es durchs Dorf:

Strauh, Strauh, Strauh,
wey hatt nau lange nett genäog,
Hasge naun Bund,
Est gaiter nau täo !

Und nirgendwo wurden wir abgewiesen. Ein Bund gabs immer, oft mehr. Allerdings hatte man, um die Last unseren kleine Schultern anzupassen und um den guten Eindruck bei uns zu erhöhen, aus einem Bund 3 oder noch mehr kleine gemacht. Das Dorf war für das Strohsammeln in drei Bezirke gegliedert, die den drei Feuern entsprachen. Die an den Grenzen liegenden Häusern waren meist heiß umstritten, da man sich über die Zugehörigkeit oft nicht einig war.

Vom Essen und Trinken

Das Brotbacken

Als Brotgetreide baute man in der Hauptsache Roggen, weniger Weizen, an. Das zum Brotbacken bestimmte Korn brachte man zu "Geilworths-Mühle", jetzt Lippen-Mühle, an der Altenau in Borchen. Die Mühle besaß damals 6 Esel, die für den Transport von Korn und Mehl zwischen Paderborn und Borchen gebraucht wurden. Bei einem Brande kamen sämtliche Tiere um, und die Mühle legte sich nun mehrere Paar Zugochsen zu, die bis in die neuere Zeit beibehalten wurden. Noch in den Jahren 1907/10 konnte man in Paderborn erleben, wie ein mit Korn oder Mehl hochbeladener Wagen der Lippenmühle von Borchen von 4 oder 6 mächtigen Zugochsen im gemächlichen Schritt unter lautem Klipp-Klapp der Hufeisen durch die Westernstraße gezogen wurde.

Die Gellinghauser Mühle besaß 3 Esel, die Korn und Mehl zwischen der Mühle und dem Kloster Böddeken hin- und hertragen mußten. Die schlechten Wege machten ein Befahren mit Fuhrwerken unmöglich, die geduldigen Grautiere schafften es.

Der Müller behielt als Mahllohn einen Teil des Kornes für sich ("Molter", "moltern", wohl herrührend von "Malter"). Von einem Zentner Korn rechnete er an 8 Pfund, später 10 Pfund als Molter.

Das Backen besorgte jeder selbst. Man kannte nur eine Art Brot, aber es war gut und nahrhaft, das noch heute bekannte und geschätzte "Paderborner Brot". Man verbackte in der Regel das sogt. "Wäytenkorn", ein Gemenge von ¼ Weizen und ¾ Roggen. Zum Gären wurde nur der Sauerteig benutzt, der von einem Backen zum anderen aufbewahrt wurde. Zum Ansetzen und Durchsäuern des Brotteiges diente ein hölzerner Backtrog, der im Winter auch wohl die Schinken und Speckseiten eines frisch geschlachteten Borstentieres zum Salzen aufnahm. Der Teig wurde am Abend vorher zum Säuern angesetzt, dabei Sauerteig und Mehl mit Wasser vermengt. Um 6 Uhr morgens mußte der Backofen geheizt sein. Da das Anheizen 3 Stunden dauerte, begann dieser Tag für den Vater recht früh. Zum Anheizen dienten Holzscheite von ca 1 m Länge ("Backsplitten"). Mit einem besonderen Eisen ("Läoten") entfernte man die glühenden Kohlenreste aus dem Backofen. Die letzte Säuberung des Ofens erfolgte mit einem Tuch oder einer alten Hose.

Pössels, Mikken und Muffen

Aus dem angesäuerten Teig stellte die Mutter drei Brotformen her:

  1. das gewöhnliche Brot (runde Form, kein bestimmtes Gewicht)
  2. "Pössels" oder "Mikken", sie waren halb so schwer wie Brot, hatten längliche Form und brauchten nur 1 ½ Stunden im Ofen zu sitzen, während das Brot 3 Stunden backen mußte. (Ein alter Weg von Gellinghausen nach Böddeken heißt heute noch "Mikkenpad", herrührend von den Eseln, welche die Mikken zum Kloster bringen mußten.
  3. "Kuchen". Zu den Kuchen nahm man wenig Teig, sie blieben flach und wurden mit dem Messer durch eine kreuzförmige Vertiefung in 4 Abschnitte gegliedert. Jeder Abschnitt hieß "Muffe". Jede Muffe erhielt von dem Backen mit Messer oder Gabel 5 Eindrücke (um das Durchbacken zu beschleunigen). Diese 5 Vertiefungen wurden gedeutet als die 5 Wunden Christi. Drei "Kuchen" blieben vorn im Backofen. Wenn die Mutter den Backtrog gesäubert und den Tisch geräumt hatte (nach einer ½ Stunde), konnte man die Kuchen schon aus dem Ofen holen. In der Regel verzehrte man sie dann noch heiß zum ersten Kaffee.

Die Menge des gebackenen Brotes mußte drei Wochen vorhalten, dann wurde von neuem gebacken. Der letzte Teig, in der Größe einer kleinen Runkel wurde in irdenen Näpfen aufbewahrt bis zur nächsten Backerei und dann zum Ansäuern des neuen Teiges benutzt.

Bei besonderen Festen backte man aus reinem Weizenmehl Kuchen und holte zum Ansäuern vom Bäcker aus dem Nachbarort oder aus Paderborn ein Stück Gest-Hefe. Die Kuchen hatten die Form des Brotes oder waren etwas länglich und enthielten häufig Korinthen.

Milch und Butter

Da es damals noch keine Milchhändler gab, mußte die Milch ganz im eigenen Haushalt verarbeitet werden. Man stellte die Milch in irdenen Näpfen ("Setten") weg und blies den Rahm nach einiger Zeit ab. Bei gelegentlichen Verkauf von Milch an einen Nachbarn kostete 1 Liter Milch 0,10 Mark.

Zur Bereitung der Butter kannte man Stoß- und Drehkirnen. Die Butter formte man in einer flacheren hölzernen Schüssel ("Molle") zu 1 Pfd. oder ½ Pfd. Stücken, verzierte sie durch Quereindrücke mit dem Holzlöffel und legte sie zum Aufbewahren auf Runkelblätter.

Das einzige Absatzgebiet für Butter war die Stadt Paderborn. An den Markttagen machten sich die Frauen morgens früh um 6 Uhr auf den Weg zur Stadt, an der Hand oder auf dem Kopfe einen Korb tragend, mit Butter, Eiern oder Gemüse gefüllt, im Gewicht bis zu 30 Pfd. Am Mittag ging`s den gleichen Weg heimwärts, diesmals beladen mit Kolonialwaren. Dabei betrug die Entfernung bis zur Stadtgrenze 10 km, so daß für Hin- und Rückweg 25 km zu rechnen waren. Das war eine Leistung, die als Selbstverständlichkeit galt und regelmäßig, bei Regen und Sonnenschein, bei Hitze und Kälte, vollbracht wurde! Und da behauptet man heute, unsere Mütter und Großmütter hätten keine sportlichen Leistungen aufzuweisen gehabt!

Der Preis für 1 Pfd. Butter betrug im Sommer 0,80 M, im Winter 1,00 M, bei schlechten Wetter, wenn wenig angeliefert wurde, auch wohl 1,20 M. Die Kinder warteten, genau wie heute, sehnsüchtig auf die Heimkehr der Mütter. Beim Auspacken des Korbes fand sich immer etwas für die Hand der Kinder, in der Regel 3 Zwiebäcke für 5 Pfennige. Waren`s mehr Kinder als drei, dann mußte eben geteilt werden.

Kaffee

Die Kaffeebohnen kaufte man in Paderborn. In den Bauernhäusern kochte man zwei Sorten Kaffee:

  1. für die Familie Kaffeebohnen und Zichorien, je zur Hälfte gemischt, auf den Tisch gebracht in dreifüßigen Zinnkesseln.
  2. reiner Zichorienkaffee für das jüngere Personal, aufgesetzt in Blechkannen, ähnlich wie heute.

Die Zichorien wurden selbst angebaut, anfangs auch selbst gebrannt. Später erschien jedes Jahr der "Zekurjenbranner" mit Esel und Wagen im Dorf und brannte in einem bestimmten Hause (bei Knitters) die Zichorien für sämtliche Familien. Wir Kinder stellten am Geruch, der durchs ganze Dorf zog, schon das Erscheinen des Brenners fest. Dann gings an die Arbeit! Die Zichorienwurzeln wurden gewaschen, in Würfel geschnitten, hier und da im Backofen vorgetrocknet und dann zum Brennen gebracht.

Verteilung der Mahlzeiten auf den Tag

Um 6 Uhr gabs den ersten Kaffee. Vorher hatte man schon 1 – 2 Stunden nüchtern gearbeitet, im Winter z.B. gedroschen. Dann gabs um 6 Uhr für die Mannsleute eine Pause, die Mägde versorgten unterdessen das Vieh. Zum ersten Kaffee gabs trocken Brot zum Einbrocken oder Rübenkraut. (Die erste Schnitte am Brot hieß "Lacheküstschen", die letzte Schnitte "Greyneküstschen")

9 Uhr Frühstück: Schmalz vom Schlachten oder Butter, Aufschnitt selten, oft Milchsuppe mit Mehl verdickt.

12 Uhr Mittagessen. In einfachen Häusern kam selten Fleisch auf den Tisch. Jeder hatte einen eigenen Teller. Man aß mit Zinn- oder Holzlöffeln. Gab es Kartoffeln, so schüttete man darüber ein Tunke, Mehl mit geschmolzenen Fett und Essig ("sore Bröje").

4 Uhr Kaffee mit trockenem Brot. Wünschte jemand keinen Kaffee mehr, so stülpte er die Tasse um. Man unterschied "Köppken" (Tassen mit Henkel), "Schöleken" (Untertassen) und "Kümpken" (größere Tassen ohne Henkel, dienten meist zum Einbrocken von Brot).

6 Uhr gabs Vesperbrot mit Butter.

8 Uhr Abendessen. Meist wurde der Rest vom Mittag verzehrt. Man aß dann häufig gemeinsam aus einem Napf, ohne Teller. Das Tischgebet wurde in der Regel von den Kindern laut vorgebetet.

Der Schäfer und seine Herde

Schafherden in Alfen

Bevor die ausländische Wolle die Preise drückte, war die Schafzucht recht lohnend, und die Schafherdenbesitzer galten in der Bevölkerung stets als wohlhabend. Alfen besaß vor der Jahrhundertwende 4 Schäfer, die eigene Herden hüteten: Krummel, Löseke, Lüke (Römmes), Thebille. Manche Bauern besaßen kleinere Gruppen Schafe, für die sie dann einen gemeinsamen Schäfer anstellten. Die Schafe der einzelnen Besitzer wurden durch Farbflecke gekennzeichnet. Auf der Alfener Feldflur weideten damals wohl 1000 Tiere.

Die Schafschur

Da in der Woche nach Johann (24. Juni) in Paderborn der große Wollmarkt stattfand, mußten die Schafe kurz vorher geschoren werden. Der Schafschur ging die Schafwäsche voraus, die in der Regel in der Woche vor Johannis vorgenommen wurde. Man trieb an einem warmen Tage die Herde an die Alme. 2 Mann faßten ein Schaf und drückten es unter Wasser, den Kopf des Tieres freilassend, so daß die Wolle einweichte. Dann wurde das Tier von zwei weiteren Helfern gründlich gewaschen. Nachdem die Wolle in 2 – 3 Tagen gut getrocknet war, folgte die Schafschur, die in der Regel auf einer Deele mit der Hand vorgenommen wurde. Der Schäfer bediente sich dabei einer besonders geformten Schere. Ein Schaf lieferte durchschnittlich 4 Pfund Wolle, 1 Pfund kostete 1,80 – 2,00 Mark.

Die Fütterung der Herde

Die Herde wurde nur im Winter an kalten Tagen im Stall gefüttert. In der übrigen Zeit des Jahres hütete sie der Schäfer im Freien, im Frühjahr auf den Graswegen, im Herbst auf den Stoppel- und Kleefelder. Die steten Begleiter des Schäfers waren 1 – 2 dressierte Hunde, von denen einer fast immer auf den Namen "Prinz" hörte. Der Schäfer trug einen für seinen besonderen Zweck gestalteten Hirtenstab, der oben mit einem Messinggriff und unten mit einer kleinen Schaufel mit Haken versehen war. Die Schaufel diente zum Werfen von Erdbröckchen, um weidende Schafe, die dem Nachbargrundstück zu nahe kamen, zurückzutreiben. Mit dem Haken konnte der Schäfer sehr geschickt jedes Schaf einfangen, indem er es am Hinterbein festhielt. Der Schäferstab wurde des Nachts auf den Schäferkarren gesteckt, angeblich, um den Blitz abzuleiten.

Hürden und Schäferhütte

In der wärmeren Jahreszeit lagerten die Herden des Nachts auf einem Felde, dicht zusammengedrängt in Hürden. Das betreffende Stück Land wurde dadurch gut gedüngt. Jeden Morgen schlug der Schäfer die Hürden um. Zur Düngung von 1 Morgen Land genügten 5 Nächte. Eine Dungnacht, d. sogt. "Pirch", kostete 3 Mark. Oft stellte ein Bauer dem Schäfer im Laufe des Jahres seine Felder für die Hude zur Verfügung, dafür erhielt er dann verschiedene Pirchnächte gratis.

Neben den Hürden stand des Nachts die Schäferhütte, ein Karren auf 2 Rädern, mit Stroh gedeckt, vorn durch eine Tür zu verschließen. Diese Hütte diente dem Schäfter allnächtlich als Schlafraum.

Der Dorfhirt

Bis zur Separation (1864) wurden die Kühe des Dorfes gemeinsam ausgetrieben. Der Kuhhirt hatte an bestimmten Tagen der Woche bestimmte Wege und Felder mit seiner Herde zu weiden. Am Montag zog er den "Vüdderalswiäg" (bei Bäckerei Knust vorbei) ins Westenfeld, am Dienstag den "Üewerdalspatt" (ging vom Römmes aus über Löttken Füerk), an den folgenden Tagen ins Kleefeld, am Sonntag durch Roimes Ecke. Häufig weidete er seine Herde auf den Feldern der heutigen Wilhelmsburg zu beiden Seiten des "Mälkewiägs". Die Kühe wurden mittags auf der Weide gemolken und die Milch durch die Melkerinnen nach Hause getragen, daher auch der Name "Mälkewiäg".

Wurde ein junges Tier zum ersten Mal mitgetrieben, so mußte aus dem betreffenden Haus ein Helfer mitgehen, oder der Bauer gab dem Hirten ein Trinkgeld, das "Wiänegald".

Hollandgänger und Ziegelbäcker

Bis zum letzen Viertel des vergangenen Jahrhunderts war die Möglichkeit, in der Heimat Arbeit und Verdienst zu finden, sehr gering. Um 1820 gingen daher viele Männer des Sommers mit der Sense auf den Rücken nach Holland, um dort durch Mähen den Lenbensunterhalt zu verdienen. In den Jahren 1850 – 1870 arbeiteten manche Tagelöhner in den Sommermonaten als Ziegelbäcker in den Feldbrennereien des Bergischen Landes. Im Herbst kehrten sie zurück und halfen den Bauern bei der Ernte; im Winter wurde gedroschen.

Zeitungen und Post

Die Verbinddung des Dorfes mit der Außenwelt war äußerst gering. Im Dorfe hielten zwei oder drei Familien eine Zeitung, die wöchentlich nur zweimal erschien. Eine Botenfrau, die regelmäßig den Weg nach Paderborn machte und für bestimmte Familien Butter und Eier nach dort brachte, besorgte auch die Zeitungen. Der Briefträger kam von Paderborn und immer nur dann, wenn ein Brief für Alfen zu bestellen war, war nur sehr selten passierte.

Russen in Alfen

1813/15 waren nach der Überlieferung Russen in Alfen. Ein Russe verlangte von einem pflügenden Bauern (Melschen) ein Pferd vom Pfluge weg. Der Bauer spannte die Pferde aus und erschlug mit der Dreiwage (Schwengel, an den drei Pferde gespannt werden) mehrere Russen.

Maße und Schnapspreise

1. Flächenmaße:

1 Gart: ¼ Morgen,

3 Gart: "Drejert": ¾ Morgen,

6 Gart: "Saskert": 1 ½ Morgen,

2. Längenmaße:

1 kleine Elle: 58 cm,

1 große Elle: Berliner Elle: 2/3 m,

1 Rap: 1 Ballen Leinen: 20 kl. Ellen,

3. Hohlmaße:

1 Kanne: 1 Liter,

½ Kanne: ½ Liter,

1 Ort: ¼ Liter,

1 Gütt: ¼ Ort: 1/16 Liter,

("Ort" war eine alte Bezeichnung für den vierten Teile einer Einheit und wurde nicht nur beim Liter, sondern auch bei Geldmaßen gebraucht.)

4. Schnapsmaße und –preise:

1 Liter Schnaps kostete damals 0,40 – 0,45 M. man kaufte ihn meistens nicht Liter-, sondern Ortweise. In der Wirtschaft wurde er ausgeschenkt in Gläschen (=Halweken), von denen 4 Stück auf 1 Ort gingen und das 0,05 M kostete. Zum Arbeiten bekamen die Männer häufig 1 Ort Schnaps mit aufs Feld.

1 Glas Bier: 1/5 Liter: 0,10 M.

Von Gespenstern, Irrlichtern und Nachtmahren

Es ist nicht verwunderlich, daß die Menschen des vergangenen Jahrhunderts, die nur eine beschränkte Einsicht in die Kräfte der Natur besaßen, manchen Vorgängen und Erlebnissen eine übersinnliche Bedeutung beilegten. Der Glaube an Geistererscheinungen und Spuk war allgemein verbreitet. Verstorbene konnten wiedererscheinen. Besonders wer sich im Leben unrechtes Gut erschlichen hat, geht spuken. Wer versprach, etwas an die Kirche zu geben und es dann unterließ, findet keine Ruhe im Grabe, bis seine Erben das gegebene Versprechen eingelöst haben. Von einem Bauern wird heute noch erzählt, er habe sich in der Separation zu viel Land angeeignet und zur Strafe dafür müsse er des Nachts mit einer glühenen Kette um den Hals um sein Besitztum marschieren.

Das Zweite Gesicht war bekannt. Ein Dorfbewohner besaß die Gabe des Zweiten Gesichtes. Man saß zu mehreren in einer Wirtschaft, als der Betreffende sich erhob und nach draußen ging, wo er etwas sah; dabei schaute ihm ein anderer über die linke Schulter. Von diesem Tage an besaß dieser das Zweite Gesicht, während der erstere davon befreit war. Jeder Papst, so glaubte man, könnte sich beim Beginn seine Pontifikats von Gott drei Gnaden erbitten. Papst Leo XIII. habe sich von Gott erbeten, daß das Zweite Gesicht aufhören möge. Seitdem komme das Zweite Gesicht nicht mehr vor.

Sehr gefürchtet waren, auch bei uns Kindern, die sogt. "Nachtmahren". Sie können Menschen und Vieh überfallen. Beim Menschen legen sie sich des Nachts auf die Brust, so daß er glaubt, ersticken zu müssen. Stellt man des Nachts die Holzschuh verkehrt vors Bett, so kriechen sie dort hinein und belästigen den Menschen nicht. Recken (Dransfeld) besaßen ein Pferd mit glatter Mähne. Eines Morgens waren die Haare zu lauter kleinen Flechten geflochten, die kein Mensch auseinanderbringen konnte. Ein Bekannter, der alte Drükensbohr, versuchte es, vergebens. Etliche Tage später war die Mähne von selbst wieder glatt, und zwar durch böse Nachbarn. Dann war es während eines ganzen Jahres nicht möglich, aus dem Rahm die Butter zu gewinnen. Eine behexte Kuh konnte auch rote Milch geben.

Folgte man einem Irrlicht, so kam man auf Wasser. Der alte Lahnert (Meier) kam einmal von Tudorf und wurde durch ein Irrlicht in die Irre geführt, er fand sich später im Buchholz wieder.

Man glaubte auch fest an die Existenz eines 6. Buch Moses, das dieser mit Hilfe des bösen Geistes verfaßt habe. Es hilft besondere Kräfte ausüben, aber keinen Reichtum zu erwerben. Zimmerleute können sich durch dieses Buch vollständig schwindelfrei machen und die höchsten Bauten besteigen ohne abzustürzen. Darum erwähnte auch der Zimmermann in seinen Sprüchen das 6. Buch Moses. Junge Burschen aus dem Dorf hatten sich das 6. Buch Moses beschafft. Am nächsten Sonntag im Hochamt wurden sie von einer unerklärlichen Unruhe befallen. Sie mußten die Kirche verlassen und fanden erst wieder Ruhe, als sie das Buch verbrannt hatten.

(Nach Mitteilungen älterer Dorfbewohner, die von der Wahrheit der einzelnen Überlieferungen recht überzeugt waren).


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