Anhang II: Franziskaner, Madonna und Wassernot
1. F. Becker, Die Paderborner Franziskaner und die Kirchengemeinde Alfen
2. F. Kruse, Alfener Madonna aus Böddeken.
3. F. Kruse, Wassernot an Alme und Altenau
4. F. Kruse, Die Katharinenflut im Almetal 1890.
5. A. Ludorff, Die Bau und Kunstdenkmäler des Kreises Paderborn:
Die Gemeinde Alfen
Die Paderborner Franziskaner und die Kirchengemeinde Alfen
Alfen war seit jeher Filialgemeinde von Kirchborchen. Die dortigen Pfarrer, sie stammten bis 1800 sämtlich aus dem Benediktinerkloster Abdinghof in Paderborn, waren nur verpflichtet, an wenigen Fest- und Sonntagen, sowie ein- oder zweimal in der Woche in Alfen Gottesdienst zu halten. So waren die Alfener gezwungen, die sonntäglichen Messen regelmäßig im Pfarrort zu besuchen. Das war für die Alten und Kranken eine Unmöglichkeit. Um hier Abhilfe zu schaffen, traten einige Vertreter der Gemeinde um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit einer Bitte an das Franziskanerkloster in Paderborn.
Über diese Verhandlungen berichtet die Festschrift zum 300-jährigen Bestehen des Klosters ausführlich wie folgt:
"In diesem Zusammenhang ist ein Bericht über die sogenannten festen Stationen angebracht. Es ist ein Kuriosum in der Seelsorgegeschichte eines Franziskanerklosters, Verträge über seelsorgerliche Dienste abzuschließen. Den Anfang machte der Vertrag mit Alfen im Jahre 1743. Die Vorgeschichte sah sehr einfach aus. Alfen gehörte zur Pfarrei Kirchborchen und stand obendrein in einer rechtlichen Bindung zum Abdinghof. Die Benediktiner waren jedoch, wie es scheint, nicht zur regelmäßigen Betreuung verpflichtet. Die Alfener mußten folglich zur Erfüllung ihrer Christenpflicht den dreiviertelstündigen Weg nach Kirchborchen zurücklegen. Nun hatten sie seit längerer Zeit beobachtet, daß ein Franziskaner aus Paderborn die sonntägliche Frühmesse in Kirchborchen zelebrierte. Was lag da näher als der Wunsch, der Pater möchte zu einer Frühmesse nach Alfen kommen! Die Kirchgänger besprachen sich mit ihrem Pfarrer, der offenbar Verständnis zeigte und zur Bedingung stellte, die Frühmesse müsse so zeitig gehalten werden, daß das Hochamt in Kirchborchen noch besucht werden könne. Schwieriger war es, die Zustimmung des Abtes zu erhalten. Der Abt befristete die Neuregelung auf ein halbes Jahr. Im zehn Tage später erfolgten Abschluß mit dem Franziskanerkloster wird diese Bedingung jedoch schon stillschweigend übergangen. Da die Übereinkunft zwischen Alfen und dem Kloster als Muster aller nachfolgenden Vereinbarungen gelten kann, sei die Urkunde im Wortlaut wiedergegeben:
Gelobt sey Jesus Christus
Wir endesunterschriebene haben nahmes der gantzen Gemeinheit Alffen in der Borchischen Pfarr mit Vorwissen und Gutheißen Seiner bischöfl. Hochwürden Herrn Prälaten im Abdinghoff heut dato mit dem Patre Guardiano deren PP.. Franciscanern binnen Paderborn uns vereinbaret, das wir gegen haltung einer frühen Mess in unseren Dorff auf allen Sonn- und Feyertagen morgens umb 8 uhren, obgemeldeten PP. Franciscaner Closter alle jahr 24 sage vier und zwanzig Reichstahler auszahlen wollen, und zwar
1mo. Wollen wir vor die Winter Station von Allerheiligen 1743 bis Osteren exclusive 1744 dem gemeldten Closter zahlen 14 Reichstl. Für die Sommerstation von Osteren 1744 bis Allerheiligen 1744 aber 10 Reichstahler. Dessen sollen die Pares den Wein und die Hostien zum hl Messopfer, welches dem P. Guardiano zu appliciren frey bleibet, sich versorgen und mitbringen.
2do Halten wir uns vor, wie auch das Closter, alle halbe Jahr nemblig umb Osteren, oder Allerheyligen von diesem Contract wieder abstehen zu könne.
3tio Wollen wir dem Pater, wan er im Winter des abends vorher zu uns komt mit einer warmen Cammer und Essen und Trinken, wie auch nach gelesener hl. Messe mit ein wenig Brandwein, erfrischen.
4to Versprechen wir die 24 Reichst. In zwei Terminen, nemblich umb Osteren 14 und dan um Allerheyligen 10 richtig ans Closter zu lieffern.
Signatium Paderborn 1743, 30 Octobris. Ludovicus Ditzighausen, Guards mpp
Fernand Jollmeier Richter
Hermanus Brandt
Soweit der Bericht in der Festschrift.
Dieser "Contract" blieb nahezu 200 Jahre gültig, d.h. bis zu dem Tage, an dem Alfen in Vikar Schröder einen eigenen Seelsorger erhielt (1922). Die Alfener schätzten ihre Patres sehr. Sie hatten stets einen fremden Beichtvater, meistens gute Prediger und die Möglichkeit auch für die Gebrechlichen, ihre Sonntagspflicht zu erfüllen. Wir Kinder bewunderten oft den Pater, wenn er bei Regen, Schneewetter oder bei schönsten Sonnenschein in Sandalen an jedem Samstag den Weg von Paderborn nach Alfen gemacht hatte und an unserem Hause vorbei schritt. Sein Quartier hatte er nach alter Tradition bei Brand (Drüke). So entstand im Laufe der Jahrzehnte ein enges, freundschaftliches Verhältnis zwischen der Gemeinde und dem Kloster. Wenn beispielsweise im Herbst die Ernte der Pflaumenbäume an den Feldwegen verkauft wurde, blieb als Gabe für die Klosterküche in Paderborn immer ein bestimmter Weg reserviert. Wenige Tage später erschien dann eine Gruppe brauner Kuttenträger und holte die reifen "Swatzken" selbst von den Bäumen, für einen vorbeikommenden Fremden ein etwas ungewohntes, für uns Alfener aber ein vertrautes Bild.
Zum Abschluß die Erinnerung an eines kleine Episode, die beweist, wie ernst es die Patres mit ihrer Aufgabe als Seelsorger nahmen.
Alfen stand im Kreis der Dörfer der Umgegend wegen seiner geringen Einwohnerzahl und seiner Bedeutung stets an letzter Stelle. Auch die Eisenbahn, die 1898 zum erstenmal fuhr, behandelte das Dorf recht stiefmütterlich. Während die Nachbardörfer ein schmuckes Stationsgebäude mit Fahrkartenausgabe und Gepäckabfertigung und einen rotbemützten Stationsvorsteher erhielten, mußte sich Alfen mit einer Haltestelle und einem Warteraum ohne Türen und Fenster gegnügen. Der Volksmund taufte den letzteren schon bald als "Stall von Bethlehem". Kurz nach der Jahrhundertwende faßten die jungen Alfener als erste und kleinste Gemeinde des Bezirkes den Beschluß, das Schützenfest statt 2 diesmal 3 Tage zu feiern. Wenige Sonntage vor dem Fest hielt der junge Pater in der Frühmesse eine eindrucksvolle Predigt, in der die Begriffe Überheblichkeit, Genußsucht, böses Beispiel u.ä. deutlich vorkamen. Er schloß seine Ansprache lautstark mit den Worten: "Alfen - Klein-Bethlehem - und drei Tage Schützenfest! Amen!" Seine Zuhörer in den alten Kirchenbänken senken schuldbewußt ihre Köpfe, aber drei Tage wurde dann doch gefeiert.
Seit dieser Zeit hatte Alfen im gesamten Umkreis seine Doppelnamen: Alfen-Bethlelem. Er machte den Alfenern zunächst etwas Kummer, aber wenn er heute hier und da in Gesprächen mit Nachborn noch auftaucht, löst er längst keinen Zorn mehr bei ihnen aus.
F. Becker
Franz Kruse
Alfener Madonna aus Böddeken
Seltsames Schicksal eines Kunstwerks
Schriftliche Aufzeichnungen über die Madonna, die heute ihren Platz in der neuen Kirche hat, sind meines Wissens nicht vorhanden. Doch darf man sich wohl auf die mündliche Überlieferung verlassen, die einiges über die Madonna sagt.
Durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde auch das Kloster Böddeken (vom hl. Meinolphus 775 – 847 gegründet) im Jahre 1803 säkularisiert. Es war zunächst ein Frauen-, später auch ein Männerkloster gewesen. Als die gotische Kirche des Klosters nicht mehr benutzt wurde, verfiel sie langsam. Immerhin standen gegen 1905 die Außenmauern noch bis zum Ansatz der Gewölbe.
Statue im Straßengraben
Um 1860 fuhren zwei Alfener Bauern – Meinolf Rören-Meilschen und Fleigen Göers, Urgroßvater der Frau Witwe Elisabeth Schulte geb. 1886 – mit ihren Knechten aus den Waldungen hinter dem Kloster Böddeken Holz. Auf dem Rückwege sahen sie unweit vom Kloster im Straßengraben eine Statue. Sie betrachteten den Fund, und plötzlich soll der Bauer Meinolf Rören gesagt haben:" Das ist ja der hl. Meinolfus! Und der liegt hier im Graben? Dazu mein Namenspatron! Den nehmen wir mit." Sie verluden also die Statue auf ihren Holzwagen und stellten sie in der Kapelle zu Alfen auf.
In der neuen Kapelle (erbaut 1906/07) erhielt das Standbild später seinen Platz an der Nordseite des Pfeilers unter der Orgelbühne.
Ein Schmuckstück der Schule
Einige Wochen später waren die beiden Bauern wieder in der Gegend des Klosters Böddeken. Da fanden sie eine Madonna, die im Straßengraben lag. Sie wurde ebenfalls aufgeladen und kam so nach Alfen.
-Dies erfuhr Frau Witwe Schulte-Göers, Elisabeth, geb. Lückehe (geb. 1886) von ihrer Großmutter Elisabeth Fleigen (+1905). –
Zunächst erhielt sie ihren Platz an der Ostseite der alten, 1964 abgebrochenen Volksschule. Diese, 1840 erbaut, hatte damals an der Ostseite keine Fenster. Dagegen waren an jeder Schmalseite nach Norden und Süden zwei. Die Statue machte, so erzählen alte Leute, auf diesem Platz einen imposanten Eindruck. Jeder, der ins Dorf von Süden kam und sie bei Thebille-Falken, um die Ecke kommend, erblickte, war überrascht.
- Das erzählte mir mein Vater, der Schreinermeister Franz Kruse-Klinkenhöfer (1858– 1921). Er hatte damals den größten Teil der Ländereien des Klinkenhofes verpachtet. -
Gegen 1880 schrieb ein Erlaß des preußischen Unterrichts-Ministeriums vor, daß in allen Schulzimmern das Licht von links einfallen müsse. So wurden die Fenster an der Südseite zugemauert, und die Ostseite erhielt drei Fenster. Die Madonna mußte ihren Platz wechseln. Sie wurde an der Nordseite der Schule zwischen den beiden Fenster aufgestellt. (die Alfener erinnern sich daran, daß hier ein Rotschwänzchenpaar jahrelang in der Krone der Gottesmutter nistete.
Antiquitätenhändler abgewiesen
Nach dem ersten Weltkrieg war der Bauer Johannes Drüke (1861 – 1950), Brand genannt, Gemeindevorsteher. Zu ihm kam eines Tages ein Antiquitätenhändler in der Absicht, die Alfener Madonna zu kaufen. Er bot 4000 Mark dafür. Der Gemeindevorsteher ließ sich aber auf nichts ein und erklärte dem Mann, daß ein Verkauf der Madonna niemals in Frage komme. Nach einem Jahr erschien der Händler von neuem und erbot sich, für die schöne Statue 4000 Mark zu zahlen und eine naturgetreu Nachbildung zu liefern und an demselben Platz aufzustellen. Aber auch auf dieses Angebot ließ sich der Gemeindevorsteher nicht ein und betonte: "Die Alfener würden mir den Kopf abreißen, wenn sie hinter einen solchen Betrug kämen!" Später stellte sich heraus, daß der Antiquitätenhändler die Statue hatte nach England verkaufen wollen.
Jetzt kam in Alfen die Befürchtung auf, daß die Madonna eines Tages verschwunden oder vertauscht sein könnte. So wurde sie dann in der alten Kirche aufgestellt.
- Dies erzählte mir der Bauer Johannes Drüke einige Jahre vor seinem Tode. –
Nun sage noch einer, die Alfener hätten kein Kunstverständnis! Heute steht die Madonna auch in der neuen Kirche.
Der Verfasser: Franz Kruse (Klinkenhöfer), Berufsschullehrer in Dorsten, geb. 1887 in Alfen, + 1973 in Dorsten.
Wassernot im Alme- und Altenautal
Alme und Altenau, die beiden Hauptflüsse, des Paderborner Landes, haben sich im Laufe der Jahrtausende tief in das Kalkgebirge eingegraben. Der Wanderer, der im Sommer seine Schritte durch die beiden abwechselungsreichen Täler lenkt, ahnt nicht, daß die beiden kleinen, in ihren nur wenige Meter breiten Betten friedlich dahinziehenden Flußläufe über Nacht zu gewaltigen Strömen anwachsen könne, besonders dann, wenn im Frühjahr die Schneemassen der Egge, des Sintfeldes und der Briloner Höhen zu schmelzen beginnen. Dann gleichen die Täler endlosen Seen, das Wasser spült bis an die ansteigenden Hügel, gewaltige Wassermassen donnern zu Tal, zerstörend und mit sich reißend die Werke der Menschenhand.
Immer wieder berichtet die Chronik über solche plötzlich einsetzende Wasserfluten und das durch sie angerichtete Unheil. Die gewaltigste und folgenreichste Überschwemmung, von der uns Kunde geworden ist, hat sich vor 200 Jahren hier zugetragen, nämlich am 21. Mai 1738. Anscheinend durch ein furchtbares Frühlingsgewitter schwollen die Wassermassen plötzlich an, durchfluteten mit ungeheurer Wucht die Wiesen, Straßen und Dörfer. Besonders litten die Ortschaften Alfen, Kirchborchen und Nordborchen. Der derzeitige Pfarrer von Kirchborchen, Maurus Wiemer (1725 – 1751), ein Mönch aus dem Kloster Abdinghof, berichtet über die Verwüstung in der Kirche wie folgt:
"Das Wasser verwüstete in der Kirche alles, brach die Kirchtür auf, warf alles, was in der Kirche war, den kleinen und großen Altar, über den Haufen, und riß die Kirchenstühle auseinander. Damithin die Kirche durch die Gewalt des Wassers nicht zu einer Mördergrube gemacht wurde, so erforderte es die höchste Notwendigkeit, die ganze Kirche zu renovieren. Die Dorfeingesessenen waren nicht imstande, zu der Wiederherstellung der Kirche etwas beizutragen, da sie kaum Mittel besaßen, die Schäden an den eigenen Häusern zu beseitigen."
Daher wandte sich Pfarrer Wiemers an das Kloster Abdinghof, dem die Pfarrei unterstellt war, und erreichte auch, daß die gesamten Erneuerungskosten vom Kloster übernommen wurden. Das Chor wurde höher gelegt und mit Steinen versehen, zwei neue Chorfenster eingebaut, ein hoher Aktar errichtet und neue Kirchenstühle beschafft. Im Jahre 1743 waren die Wiederherstellungsarbeiten beendet. Bei dieser Gelegenheit unternahm der Pfarrer Weimers dann, die Plätze in den Kirchenbänken, die familienweise festlagen, neu zu verteilen. Bei den Dorfbewohnern scheint diese Neuregelung auf keinen Widerstand gestoßen zu sein. Nur der Herr von Oeynhausen aus Nordborchen erhob Beschwerde, weil sein Kirchenstuhl nicht mehr im Chor, sondern im Mittelschiff unter der Kanzel stand. Das Verzeichnis der einzelnen Plätze mit den Namen der Inhaber aus den drei Dörfern ist noch erhalten und stellt eine wichtige familienkundliche Quelle dar. Die meisten der dort genannten Familien sind heute noch hier ansässig, ein Beweis für die starke Bodenständigkeit der hiesigen Bevölkerung. Die große Flut im Jahre 1738 forderte auch Todesopfer. In Nordborchen ertranken die drei Geschwister Kaspar, Elisabeth und Johannes Nagel. Sie wurden am 24. Mai begraben, und hinter ihrem Namen findet man im Kirchenbuch den Vermerk "aquis diluvii submersum", d.h. durch Wasserflut ertrunken.
Auch aus dem vergangenen Jahrhundert berichten die Chroniken von wiederholten Hochwassergefahren. So erzählt der Kirchenrendant Kaspar Lüke aus Kirchborchen in seinem Tagebuch von einer Flut im Januar des Jahres 1841. Das Wasser stand 1 Fuß hoch in der Sakristei. Die Paramente in den unteren Schubladen wurden vernichtet; an dem alten Küsterhaus ging das Wasser über die große Treppe. Die Schafe des Herrn Hartmann wurden dadurch gerettet, daß der Schäfer "viele Bunde Stroh oben vom Boden warf, darauf die Schafe standen, sonst wehren sie versoffen". Die Almebrücken bei Alfen und Wewer wurden beschädigt.
Die "Katharinenflut" im November 1890
Die Alfener Chronik erwähnt dann ein furchtbares Hochwasser vom 20. - 21 November, das als "Katharinenflut" noch heute in der Erinnerung der Bevölkerung fortlebt. (Nach einigen Quellen soll der Höhepunkt der Flut am 25.11., dem Feste der hl. Katharina, eingetreten sein.) Die Bewohner der in den Nähe des Flusses gelegenen Häuser mußten nächtlicherweise auf Wagen und Leitern aus ihren Wohnungen geholt werden, um sie vor dem Tode des Ertrinkens zu bewahren. Unter starkem Krachen stürzte dann die alte Almebrücke in sich zusammen, nur ein Pfeiler trotzte der Wucht der Wassermassen. Durch den Einsturz war der südliche Teil des Dorfes, der sog. "Alte Hof", von dem eigentlichen Dorfe vollständig abgeschnitten, zur großen Freude der Schulkinder, die über Nacht über mehrere Wochen außerplanmäßige Ferien erhalten hatten. Man errichtete dann eine hölzerne Notbrücke, die im folgenden Jahre durch die jetzt noch vorhandene feste Steinbrücke ersetzt wurde.
Berufsschuldirektor Franz Kruse schildert in der Warte (Heft 11/1940) die dramatische Nacht wie folgt:
Hochwasser ist im Almetal nichts Seltenes. Man ist es gewohnt. Man rechnet damit, wenn im Herbst ein Regentag den anderen ablöst, man erwartet es im Frühjahr, wenn der Schnee in den Briloner Bergen und im Sintfelde plötzlich schmilzt. Der Alme wird dieses Wasser zugeführt durch die Afte bei Büren. Aber auch in der warmen Jahreszeit ist man vor Hochwasser nicht sicher. Kam es doch 1897 vor, daß die Heuernte vom Hochwasser überrascht und weggeschwemmt wurde.
Für uns Kinder bedeutete so etwas stets ein großes Ereignis. Voller Spannung standen wir am Ufer, verfolgten das langsame Steigen des Wassers und warteten auf den Augenblick, da das Tal von einem Rande bis zum andern bedeckt war. Und wenn das Wasser mein Elternhaus von allen Seiten umspülte – was allerdings nicht alljährlich vorkam – dann war das für uns etwas Hochinteressantes.
Mein Vater pflegte dabei stets die Ruhe zu bewahren, wie jemand, der sich als absoluter Herr der Lage fühlt. Er schien aus Erfahrung beurteilen zu können, ob der Hochstand des Wassers erreicht war oder ob etwas unternommen werden mußte, um das Vieh in Sicherheit zu bringen oder die Kartoffeln im Keller höher gelagert werden mußten oder die Bienen einen höheren Stand haben mußten. Der Keller auf dem Klinkenhofe liegt noch heute wegen der Hochwassergefahr auf, nicht in der Erde. Er hat aber doch nie geahnt, daß er sich einmal verrechnen und mit seiner Familie sogar in Lebensgefahr kommen würde.
Es war vor 50 Jahren, November 1890. Wochenlang hatte es ununterbrochen geregnet. Zuerst langsam, dann immer schneller war das Wasser der Alme gestiegen, bis am 20. November der Regen aufhörte. Doch das Wasser stieg weiter, stieg immer schneller, zuletzt in einer Stunde mehr als ein Meter. Wiesen und Gärten rings um Haus waren mit Wasser bedeckt. Die Straße vor dem Haus glich einen Bach.
Ich stand mit meinen beiden Geschwister in der Küche auf der Bank. Wir drückten unsere Nasen an den Fensterscheiben platt und staunten über die großen Wassermengen. Der Garten und der Hof des Nachbarn (Schulte=Lückehe – "Göers") standen bereits unter Wasser. Von der Hecke war nur mehr in Teil zu sehen. Die Stachelbeersträucher steckten nur noch die Spitzen aus dem Wasser. Hier schwamm eine Bohnenstange, dort ein Pfahl, drüben ein Zaunlatte auf dem Wasser.
Daß es auf der Deele recht unruhig war, daß da etwas Besonderes vor sich gehen mußte, merken wir kaum. Plötzlich wurde ungestüm die Tür aufgerissen. Lautlos stürzte ein Mann herein. Zwei derbe Männerfäuste faßten mich unter die Arme und trugen mich auf die Deele. Hier merkte ich, daß der Mann bereits im Wasser ging. Ich wurde in einen bereitstehenden Wagen gesetzt. Der Wagen mußte auf der Deele gewendet werden. Die Pferde wurde ausgespannt, der Wagen wurde auseinander genommen, umgedreht, wieder zusammengesetzt und dann die Pferde wieder eingespannt. Es handelte sich um Kutschers Fuhrwerk. Meine beiden älteren Geschwister folgten. Mein jüngster Bruder, der damals 2 ½ Monate alt war, lag in der Wiege, die ihren Platz auch bereits auf den Wagen gefunden hatte. Daneben stand eine Kiste mit kleinen Schweinen, die unruhig quiekten. Auf der Kiste saß meine Mutter mit meiner 2-jährigen Schwester Anna auf dem Schoß. Nachdem noch zwei Rinder hinter den Wagen gebunden waren, nahm mein Vater und der Fuhrmann auf dem Wagen Platz, und schon zogen die Pferde an.
Der Weg wurde die Straße aufwärts genommen, wo das Wasser noch nicht so tief zu sein schien. Aber kaum waren wir mitten im Wasser angelangt, als meine Schwester Gertrud, der man vorsorglich einen Sitzplatz auf dem Wagen angewiesen hatte, zu schreien anfing: sie saß im Wasser. Dieses hatte mittlerweile eine solche Höhe erreicht, daß es den Boden des Wagens bedeckte. In der Straße, die damals sehr eng und zu beiden Seiten mit Mauern eingefaßt war, nahm der Wagen den größten Raum der Breite ein.
- Kurz vor dem Weltkrieg wurde der Weg verbreitert. Die bei Westermeiers Hause entspringende "Bicke", die bis dahin großzügig die ganze Breite des Weges benutzt hatte, wurde die Mauer entlang gelegt. Verkehrstechnisch war dies ohne Zweifel ein Fortschritt. Aber der Dorfjugend, die sich hier so gern im "Päule maken" geübt hatte, ging ein Stück köstliches Dorfleben verloren. –
So staute er das Wasser auf. Die Rinder, denen das Wasser fast über den Rücken spülte, sträubten sich, dem Wagen durch das kalte Wasser zu folgen. Die Pferde stutzten vor den ihnen entgegenflutenden Wassermengen. Zum Glück hatten sich in dem höher gelegenen Garten des Nachbarn Gerdiken ("Kuhwangen") Neugierige eingefunden, die sofort den Ernst der Lage erkannten. Mit Stöcken trieben sie unter Rufen und Schreien die Pferde an, so daß wir glücklich der höher gelegenen Teile des Dorfes erreichten. Bei Rochell ("Iäwers") fanden wir liebevolle Aufnahme. In einem Zimmer des damaligen Wohnhauses wurde uns für die folgenden Nächte ein bequemes Lager bereitet.
Am folgenden Morgen zeigte es sich, daß die steinerne Brücke über die Alme den Fluten nicht hatte standhalten können. Der zweite Pfeiler nächst dem Dorfe war weggerissen worden. In den Häusern – außer meinem Elternhause standen Göers und Westermeiers unter Wasser – hatte das Wasser erklärlicherweise viel Schaden angerichtet. So waren die Lehmwände, die man damals noch vielfach antraf, aufgeweicht und eingestürzt. Etwa 40 Jahre später unterhielt ich mich mit einem Alfener Landmann (Franz Müller, Münksel) über dieses Erlebnis. Da erzählte er mir, er sei unter den Männern gewesen, die von der Mauer aus die Pferde angetrieben hätten, er habe nur eines gedacht: wenn eine Kette reißt oder sonst etwas bricht, dann sind alle verloren. Meine Mutter aber hat später öfter erklärt, größere Aufregung als an diesem Tage habe sie in Alfen nicht erlebt.
Hochwasser im Jahre 1909
Schließlich werden in der Borchener Pfarrchronik vom 1909 zwei Überschwemmungen erwähnt, und zwar am 3. Februar und 19 März. Die Leute mußten mit dem Vieh in die höher gelegenen Häuser flüchten. Das Pfarrhaus war 1 ½ Tage von der Umwelt abgeschnitten. Ein notwendiger Krankenbesuch des Pfarrers konnte nur auf einem Wagen ermöglicht werden.
So können die Bewohner des Alme- und Altenautales von allerlei Nöten erzählen, die ihnen das Wasser gebracht hat.
A. Ludorff
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