Einladung zur Vituskapelle in Alfen

Prozessionen waren und sind in den verschiedensten Religionen Ausdruck von Frömmigkeit und Mittel zur Erbittung der Hilfe von bestimmten Heiligen in extremen Krisen- und Notzeiten.

So auch die Prozession zur Anbetung des hl. Vitus in Alfen. Diese Lobeprozession mit Fasten für Mensch und Tier entstand Mitte 1600, als in Nord-, Kirchborchen und Alfen in zehn Monaten 460 Menschen, allein in Alfen 118, an der Pest starben.

Bis 1925 war das gemeinsame Prozessionsziel die Gallikapelle in Kirchborchen. Dann erbauten sich die Alfener ein eigenes Kapellchen am Ende des Kottenberges, wohin am letzten Sonntag im Juni alljährlich der Weg führte. Obwohl auch in diesem Jahr personell bedingt eine Prozession nicht möglich ist, wird diese Anbetungsstelle am Sonntag, den 28. Juni gleichwohl angemessen und würdevoll gestaltet.

Alle Gläubigen wie auch Spaziergänger und Wanderer sind eingeladen, während des Tages die Kapelle zu besuchen. Flyer mit näheren Erklärungen und Gebeten werden ausliegen. Auch wenn wir heute Seuchen und anderen Massenerkrankungen dank medizinischen Errungenschaften nicht mehr so hilflos ausgeliefert sind, hat doch die Coronapandemie uns eindrucksvoll vor Augen geführt, wie schlagartig sich unser Leben verändern kann.

Für den interessierten Leser ist hier noch ein Bericht über das Vitusbrauchtum Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden.

Dörfliches Brauchtum in Alfen in der Mitte des 19. Jahrhunderts

(aufgeschrieben im April 1941von Friedrich Becker)

Der Vitustag galt bei uns mehr als Pfingsten und Krautweihe. Das verdankte dieser Heilige unseren Ahnen, die ihn von 300 Jahren in einer großen Not anriefen und versprachen, ihm für seine Hilfe jährlich Dank zu sagen durch Beten, Fasten und Almosen geben. Und dies Versprechen war gehalten worden bis auf unsere Zeit. Die kirchliche Feier des Vitustages (15.6.) fiel meist auf den vorhergehen den Sonntag.

Schon 1 oder 2 Tage vor diesem Sonntag erschienen die Vorboten des Festes, eine ganze Reihe Fremder, Alte und Junge, Männlein und Weiblein, die sog. “Veitslöie”. Sie zogen in den drei Dörfern der Pfarrei von Haus zu Haus und hielten um eine Gabe an, erhielten hier ein Ei, dort ein Stückchen Speck oder eine Kleinigkeit an Geld. Wir musterten den fremden Besuch recht kritisch, häufig entdeckten wir Bekannte aus dem Vorjahr. Fragten wir Kinder die Erwachsenen nach der Herkunft der fremden, recht notdürftig gekleideten Gäste, so hieß es nur: “Von do hinnen eot de Siene”. Und dann kam der Sonntag. Von den guten Werken, die an diesem Tage nach dem Versprechen unserer Vorfahren von uns gefordert wurden, mochte das Beten bei uns Jungen wohl etwas zu kurz kommen, aber dem Fasten und dem Almosengeben widmeten wir uns mit desto größerem Eifer.

Es galt als feststehender Brauch, daß am Vitussonntag alles bis Mittag nüchtern bleiben mußte, die Menschen groß und klein, alt und jung, auch das Vieh, ob zweibeinig oder vierbeinig. Die Gänse schnatterten an diesem Morgen umsonst, die Stalltür blieb geschlossen, die Hühnerschar verbrachte den Vormittag auf ihrem Wiemen, der Kuhhirt war bis Mittag beurlaubt. Und jedes Jahr hörten wir mit leisem Gruseln die als sicher über lieferte Kunde von dem Schäfer von Hamborn, der vor vielen Jahrzehnten am Vormittag des Vitustages seine Herde ausgetrieben hatte und der als Strafe dafür am folgenden Tage 400 Tiere durch ein fürchterliches Unwetter verlor.

Um 8.00 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Kirchborchen, wo die große Vitusprozession ihren Ausgang nahm, in der Tasche vielleicht einen Zwieback, den uns die sorgende Hand der Mutter im letzten Augenblick zu gesteckt hatte, von uns natürlich großmütig übersehen. Dann kam das Hauptstück des Tages, die Prozession. Sie zog von der Pfarrkirche aus zur Gallikapelle. An beiden Seiten des Weges saßen die “Veitslöie”, ein Taschentuch vor sich liegend, betend und um ein Almosen heischend.

Mit den Kupferpfennigen in der Tasche klimpernd suchten wir aus den am Wege Knieenden die heraus, die unserer Gabe am würdigsten schienen. Und wir waren strenge Richter. Ein glattes Gesicht, ein jugendliches Aussehen, ein kräftiger Körperbau genügte, um den Betreffenden von unserer Mildtätigkeit auszuschließen. Aber bei einem alten verhutzelten Mütterchen, einem zitternden Greise oder einem schmalgesichtigen, blassen Kinde öffneten sich unsere Taschen und Kupferstücke häuften sich vor den Bittenden.

Wäre nicht die ausgleichende Gerechtigkeit der uns folgenden Erwachsenen gewesen, mancher “Veitsmann” wäre mit leeren Taschen heimgekehrt. An der Galluskapelle wurde ein feierliches Hochamt gelesen. Rund um die Kapelle lagerten wir auf den Böschungen, im Schatten der 1000-jährigen Linde. Der Jubel der Lerchen wurde übertönt von unserem begeisterten Gesang. Und wenn der greise Pfarrer Mertens auf der uralten Steinkanzel stand und uns erzählte von dem Notjahr 1636, wo die Pest innerhalb von 10 Monaten 460 unserer Ahnen ins Grab riss, bis St. Vitus dem furchtbaren Sterben Einhalt gebot, dann segneten wir unsere Vorfahren für ihr damals dem Heiligen gegebenes Versprechen, dessen Erfüllung uns jedes Jahr einen solch erlebnisreichen Tag beschwerte.

Nach der Fortsetzung der Prozession bis zur Pfarrkirche ging’s heim. die Sonne hatte ihren höchsten Stand schon überschritten, und allmählich meldete sich der Hunger. Dann holte der eine oder andere verstohlen seinen Zwieback auf der Tasche und dankte im Stillen der vorausschauenden Vorsorge der Mutter. Und wenn wir an diesem Abend mit der Herde vom Feld heimkehrten, dann klang unser Singen durchs Almetal: “Veit, Veit, Veit, dat is ne smachterge Teid“

 

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